ich weiss, es steht nicht gut um dich. Ständig wirst du beschmutzt, angeschmiert, oft sogar angepinkelt. Du wirst missbraucht, musst es über dich ergehen lassen, wie dir politische Slogans und stumpfe Ideen aufgedrückt werden. Würde mir jemand «Ausländer raus» oder «Nieder mit dem Schurkenstaat!» auf meine Brust tätowieren, würde ich auch missmutig werden. Und wie! Da kannst du dir mehr als nur sicher sein.
Viele können dich nicht leiden. Sie sagen du seist so leblos und langweilig, so monoton und grau. Dich anzumalen sei illegal und laufe unter Sachbeschädigung. Du seist nur da, um Kummer zu verbreiten, um zu trennen, um zu teilen, um auszugrenzen. Sie sagen, man müsse dich einreissen um frei zu sein. «Für eine mauerlose Gesellschaft!» schreien sie dann und werfen mit Pflastersteinen nach dir, die sich vor dir auftürmen und dich noch dicker machen. Du seist mehr als nur Projektionsfläche, mehr als nur Feindbild sagen sie, du seist Ursprung und Basis für Hass, Trauer und Angst. Du seist der Grund, warum Familien, Nationen, ja sogar ganze Kulturen auseinander gerissen, entzweit werden. Ein Ganzes würdest du in abertausende von Einzelteile zersplittern und hättest sogar noch Freude daran.
Und das Penetranteste, ja das Geschmacksloseste überhaupt sei, dass du bisher noch nie auf die Idee kamst, dich für all die Dinge zu entschuldigen. Das müsse man sich erst einmal vorstellen!
Aber ich, liebe Wand, ich sehe das anders.
Lass dich nicht unterkriegen!
In Liebe,
der Baum von gegenüber
Benjamin Quaderer
Germanistikstudent und Poetry-Slammer