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Architektur und Raumentwicklung

Hochschule Liechtenstein

Zwischenwelten
AL Magazine Issue 2, Mai / May 2009


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Zwischen Projekten
AL Mit welcher Art von Zwischennutzung beschäftigen Sie sich persönlich? SN Mit Zwischennutzung verbinde ich Räume, die man für einen gewissen Zeitraum nutzt. Ich bin Initiator für Partys an öffentlichen Plätzen im Sommer, für Musikliebhaber und Leute, die dieselben Interessen teilen. Solche Partys finden auch in alten Gebäuden statt, die entweder bald abgerissen oder renoviert werden. Der kulturelle Anspruch ist dabei sehr wichtig. Die Veranstaltungen sind immer öffentlich, jedoch ohne grosse Werbung - einfach von und mit Künstlern, die Interesse haben, was zu machen. EH Ich bin auch glücklich darüber, dass wir die Möglichkeit zur Zwischennutzung haben. Alle drei Jahre organisieren wir in Bad Ragaz die schweizerische Triennale Bad Ragartz, dieses Jahr mit 79 Künstlern aus 15 Ländern. CP Ich beschäftige mich mit Zwischennutzungen in Landschaftsräumen. Sie können auch in Verbindung mit Gebäuden stehen, die zwischengenutzt werden. Ein Beispiel ist die Mühleholzrüfe. Das ist eine grosse Schotterfläche zwischen Vaduz und Schaan, die gut eingedämmt und uneinsehbar ist, jedoch sehr gut erreichbar ist und speziell für Jugendliche einen spannenden Raum darstellt. Darin gibt es Nutzungsspuren wie z. B. Lagerfeuer. Das sind dann so genannte Streifräume, die keine vorbestimmte Bedeutung oder spezielle Nutzungsvorschriften haben. Durch diese Offenheit gewinnt der Ort eine Qualität, die öffentliche Räume wie Strassen oder Plätze in der Siedlung nicht haben. Angenommen, man würde mit einer Kunstinstallation diesem Raum eine Bedeutung auflegen, die er vorher nicht gehabt hat, würde man alle anderen Nutzungen vertreiben. In meinen Augen sind solche „undefinierten“ Räume absolut notwendiger Bestandteil eines Freiraumsystems einer Siedlung. Diese Räume werden jedoch oft von offizieller Seite als unordentlich empfunden.

AL Wie haben sie angefangen? EH Wir sind etwa vor 35 Jahren nach Bad Ragaz gekommen. Ragaz hat wunderbare Parks und Anlagen. Mein Mann träumte schon als Kind davon eine Stadt mit Skulpturen zu füllen. Einmal an Silvester waren wir in München und fanden es schade, dass innert kürzester Zeit soviel Geld in die Luft verpufft wird. Dann wollten wir einen Pfahl setzen, der bleibt. Und so haben wir 1999, knapp vor dem Millenium, kurzfristig zu arbeiten begonnen und im Mai 2000 eröffnete tatsächlich die erste Ausstellung mit 47 Künstlern. Es war schwierig am Anfang, wir waren auch ein wenig blauäugig und wussten nicht, wie viel das alles kosten würde. Wir wollten aber auch grosszügig sein und zum Beispiel für Versicherungen und Transporte der Künstler aufkommen. Schlussendlich mussten wir dann eine Hypothek auf unser Haus aufnehmen. Dies störte uns soweit nicht und es lief so weiter. So entschlossen wir uns, das alle drei Jahre durchzuführen und fanden mit der Zeit immer grösseren Anklang. Künstler von überall meldeten sich und es wurde mit jedem Jahr besser, so dass wir auch schöne teure Werke verkaufen und somit unsere Hypothek zurück zahlen konnten. Dies alles aus einem Bubentraum heraus. SN Etwas, was mir sehr wichtig ist, ist den Leuten ihre Bedenken zu nehmen. Es geht natürlich immer darum, dass man etwas, was man benutzt so hinterlassen sollte, wie man es vorgefunden hat. Wenn man in Liechtenstein einen solchen Anlass veranstaltet, denken viele Menschen, dass etwas zu Grunde geht. Wir sagen, dass es auch anders funktionieren kann. Es hat einen speziellen Reiz, eine Räumlichkeit zu gestalten, zu beleben, die vorher tot war. EH Ich finde das so schön, dass man mit diesem Wort spielt, Spuren legen, Spuren lesen - dieses Jahr steht die Ausstellung nämlich unter diesem Leitspruch. Spuren hinterlassen ist etwas sehr positives, aber ich muss sagen, unsere Ragazer, die Bevölkerung, ist sehr grosszügig.

AL
Ist der Raum zuerst oder die Idee für eine Umsetzung? SN Es ist sehr verschieden, meistens findet man zuerst den Raum, danach überlegt man sich, was man dort machen könnte und beginnt dann zu arbeiten. CP Der Ort ist zuerst, erst dann wird die Qualität entdeckt. Z.B. im Rheinvorland gehen nachmittags Kinder und Jugendliche vorbei, setzen sich auf die Dammböschung und schauen wer kommt und geht. Die Landschaftsstruktur des Dammes bietet, Zugang und Rundweg, die Übersicht zur Beobachtung, teilweise Schatten, Spiel- und Sportflächen als Programm direkt daneben. Es braucht gewisse Strukturen, die man sich aneignen kann, die dann mehrfache Funktionen übernehmen können. Wie ist das mit dem Umfeld von zwischengenutzten Gebäuden? Gibt es Parkflächen die plötzlich anders genutzt werden? Da wird es spannend. SN Ja, ich denke Parkplätze und der Platz vor dem Haus wird anders genutzt, je nach dem wie viele Leute kommen. undefined Die Leute gehen ein und aus und man hofft, dass es die Nachbarn nicht stört. Irgendetwas hinterlässt man immer, wenn man was in Richtung Event macht - Leute trinken etwas, hinterlassen Abfall. Im Ländle verbreiten sich solche Anlässe wie Lauffeuer und das ist unter anderem mit ein Grund, weshalb ich nicht den gleichen Raum wieder benutze. Wenn man die Leute einlädt, von denen man denkt, dass sie interessiert sind, dann fällt das Gesamte nicht aus dem Rahmen in Bezug auf die Menschenmenge und der eigentlichen Botschaft wird mehr Beachtung geschenkt. EH Wir haben überhaupt keine Probleme - die Gesellschaft öffnet Türe und Tore für diesen Anlass. In dieser Zeit knistert es in Ragaz. Die Leute freuen sich darauf. Sehr wesentlich ist es für uns, junge kreative Menschen mit einzubeziehen. Wir möchten diesen ermöglichen, ihre Werke neben namhaften Künstlern auszustellen. Wir haben sehr viele junge Künstler dabei - wichtig ist eine gesunde Mischung. Es ist ein Grossprojekt und kostet rund 1.5 Millionen Franken.Sandro, wie ist das für dich, ein derartiges Grossprojekt, würdest du eher sagen „Hände weg“? Möchtest du lieber antikommerziell schaffen, am liebsten sogar versteckt, möglichst im kleinen Rahmen? SN Ich hätte nichts dagegen, ein Grossprojekt zu veranstalten. Aber wenn wir in Liechtenstein mit jungen Menschen was machen, beginnen wir erst gar nicht uns um die Finanzierung zu kümmern, sondern zielen eher darauf ab, einen Ort für Austausch unter Kreativen zu schaffen. Junge Künstler haben es schwierig im Ländle, doch langsam bildet sich eine kleine Community, das ist sehr schön. Und so machen wir einfach - ohne grossen kommerziellen Hintergedanken. Es gibt sehr viele Leute, die motiviert sind etwas auf die Beine zu stellen. Es ist aber sicherlich auch schön, ein Budget zu haben um etwas zu organisieren.

AL
Kann man die angesprochene Zwischennutzung wie am Rheindamm planen oder steuern? CP Man kann die Rahmenstrukturen setzen, aber man muss sehr vieles offen halten und Freiraum zulassen – schauen, was passieren kann. Beobachten, wie sich das ganze entwickelt, eventuell durch gezielte Interventionen ein wenig Geburtshilfe leisten.

AL Den ungebrauchten Raum für Kultur zu nutzen, heisst das, dass schlichtweg der Platz für Kultur fehlt? SN Ja, für die junge Kultur fehlt in Liechtenstein schon der Platz. Dadurch entsteht das so genannte Zweckentfremden. Man wendet sich gegen die richtige Nutzung und macht etwas Auffälliges. Ich habe das Gefühl, wenn man Zwischennutzung betreibt, ist dies hier ein wenig provokant. Aber das braucht es wahrscheinlich auch.

AL Einerseits ist der Raum essentiell, trotzdem darf nur mit grosser Vorsicht etwas verändert werden. CP Es braucht gewisse Rahmenbedingungen. Wo sich spezielle Gruppen wohl fühlen. Angenommen viele Menschen strömen in die Rüfebereiche, beginnen sie sich gegenseitig zu stören, die soziale Kontrolle wird grösser. Das Freie, Unkontrollierte ist hier sehr wichtig. Es ist ein Raum für Rückzugsmöglichkeiten, rein topographisch. Das wird auch von der Atmosphäre her unterstützt - diese grossen LKWs mit Schotter, die diesen rohen Charakter widerspiegeln. Ich finde es sehr wichtig, dass es eine gewisse Akzeptanz und Toleranz für diese Orte gibt, auch wenn sie keine Tourismusaushängeschilder sind. Weil man dort Dinge machen kann, die sonst nicht möglich sind. Die ersten Graffitis, die ich hier in Liechtenstein gesehen habe, waren bei der Unterführung auf Vaduzer Seite der Rüfe. Diese werden belassen, auch wenn sie mehr zur Subkultur denn zur Hochkultur gehören.

Esther Hohmeister
ist Gründerin der Stiftung
«Triennale der Skulptur Bad Ragaz / Vaduz»
www.badragartz.ch

Sandro Nardi

ist Kurator, Musiker und Student der
Geschichte an der Universität Zürich.


Catarina Proidl

ist Doktorandin der Hochschule Liechtenstein und dem Institut für Entwerfen, Stadt und Landschaft, TU München und Landschaftsarchitektin im Alpenrheintal.
www.mueko.ch
www.urbanlandscape.ar.tum.de


Das können Ameisen auch
ameise weist zuhauf kalkülform auf. sie stellt sich leider auch ein bisschen aus. vor stellen sie sich gegenseitig – wie? selten bis nie. beharren auf ihr nomen-sein. wie aber stellt ein substantiv sich nomen vor. was denkt im gegenzug ein nomen über flomen? wir wissen es. und sagens nicht! rauschebaum und zeisigkeit. stattdessen hier: ausschnitt aus dem

genom eines akrostichons. oder: nur was man bastardisiert, existiert. kreolisierung geht vom volke aus. autsch! mögen sie erwidern: das wissen wir doch längst! du drängst auf löcher stopfen, hoffensdick, und werdung werden ziemelich. geschenkt. es sei. es werde. geschrieben. und so sieht ein chamäleon aus (1 – 7). magrittehund

bringt leuchtbaby zum schweifen. bin eher laroche als foucault. kein matisse. chagallschleife macht einen auf endlos. feldman moppelt sich durch. charles ives fickt auf. und – textband für lyrikfreunde: der diesjährige peter-huchel-preis geht an peter huchel. ernst-meister an ernst meister. das alles machts nicht leichter. so richtig
wichtig scheints aber

auch nicht zu sein, betrachtets man von links nach rechts. das müssen allesamt podeste sein. mit unterschriftlich palimpsest. «am fusse des schillerdenkmals», sagt tomas schmit, «steht ja auch nicht schillerdenkmal, sondern schiller!» ich
bin mir diesbezüglich nicht so sicher.
steht unterm mahnmal mahnmal, grüsst otto
neurath mit erhobner faust. steht unterm

uhland mörike, ist meist auf hauff verlass. gummifinger führt max ernst zum gefecht. im hintergrund droht diter rot. vieles gerät zum gestell.
wir müssen uns besinnen. also: ezra pound UND silvio gesell. womöglich auch jacques brel. lieber nicht. doch wie heisst dieser andere belgier, der nichts erleichtert, vielmehr alles erschwert? ich glaube: patrick dewaere.


Ulf Stolterfoht
ist Schriftsteller und lebt in Berlin.
Zuletzt verfasste er «traktat vom widergang»,Ostheim / Rhön: Verlag.

Das Ameisengedicht ist Teil des Gedichtbandes «fachsprachen XXVIII – XXXVI», der im Herbst 2009 bei Urs Engeler, Basel erscheinen
wird.

Diese Gedichte stellen insofern eine Zweitnutzung dar, als sie mit Fremdtext arbeiten – in diesem Fall vor allem mit Bildtiteln des Zeichners Tomas Schmit.



und dazwischen liegt der Nutzen
AL Wie kam es zur Zwischennutzung des nt/Areals? Waren Sie vorher schon an anderen Zwischennutzungen beteiligt? PC Basel war schon vor uns sehr gut erprobt mit einer Reihe von Zwischennutzungsprojekten. Als Städteplaner war mir bekannt, dass das Güterbahnhofareal der Deutschen Bahn städtebaulich entwickelt werden soll und dass Planungen dieser Grössenordnung sehr viel Zeit benötigen. Wir selbst waren die meisten schon im Umfeld von Zwischennutzungen und Kunstprojekten aktiv. Eigentlich stand das Team bereits, weil wir ein Lofthotel in der ehemaligen Kaserne am Rhein realisieren wollten. «Wohnen und arbeiten von einem Tag bis zu einem Jahr» war das Motto. Als das nicht klappte haben wir uns auf das DB-Güterbahnhofareal konzentriert und konnten nach langem hin und her einen Mietvertrag für die ehemalige Betriebskantine und das Wagenmeistergebäude aushandeln.

AL Solche Zwischennutzungen sollten eine Win-Win-Situation für die Nutzer und die Stadt sein. Was bringt eine solche Zwischennutzung einer Stadt? PC Nicht nur für die Nutzer und die Stadt, vor allem aber auch für die Eigentümerin des Areals. Uns ist es gelungen, Zentralität und ein positives Image für eine periphere Lage der Stadt zu schaffen und haben der Eigentümerin einiges an Betriebskosten erspart, weil unsere Bewirtschaftung Unterhaltskosten für Sauberkeit und Sicherheit einsparte. Und schliesslich profitierte sie auch von einem Mehrwert der Grundstücke in Millionenhöhe. Die Bevölkerung (und damit die Stadt) profitierte vor allem dadurch, dass sie zwar 8 Hektar Grün- und Freifläche auf dem Areal plante, aber während der 10-jährigen Planungszeit handlungsunfähig war. Wir haben nichts anderes gemacht, als das Areal als öffentlichen Freiraum zu bewirtschaften und damit den Menschen des Quartiers schon frühzeitig die ihnen politisch versprochenen Freiflächen zugänglich gemacht. Die Stadt der Behörden profitiert natürlich theoretisch von unserem Bewirtschaftungsmodell, das viel kostengünstiger und sozial nachhaltiger ist als die übliche staatliche Bewirtschaftung von Plätzen und Parks. Nur stellt sich das Problem, dass unser Modell damit in direkte Konkurrenz zu den Behörden tritt. Anders gesagt: würden alle Freiflächen in Basel wie das nt/Areal bewirtschaftet, so «müssten» eine ganze Reihe von Stellen bei der Stadt, aber auch Bauaufträge an Dritte eingespart werden. Die Stadt profitiert natürlich auch direkt, indem sie eine Reihe von etablierten Projekten, etwa den Sonntagsflohmarkt, einfach «erben» kann.

AL Als Ziel der Zwischennutzung des nt/Areals beschreiben Sie die städtische Entwicklung des Standorts durch das Fördern von öffentlichem urbanem Leben. Ist dies eingetroffen? PC Ja, das ist es. Und zwar mehr als ich mir es anfangs zu erhoffen wagte. Der Ort lebte buchstäblich auf. Zunächst war es natürlich schon eher die Konzert und Partykultur, weil anfangs eine Tagesnutzung wegen des noch laufenden Güterverkehrs ein Sicherheitsproblem darstellte. Mit der definitiven Stilllegung des Güterverkehrs konnte ich mit Unterstützung der Vivico das Freiflächenprojekt von ViP entwickeln und endlich das Areal auch offziell für das benachbarte Quartier öffnen. Ein wichtiger Türöffner war der Sonntagsflohmarkt, der sehr schnell zum bunt gemischten öffentlichen Platz und Spiegel einer Quartieröffentlichkeit entwickelt hat. Auf solchen Schlüsselprojekten aufbauend, konnten wir ein Freiflächenmanagement etablieren, das mit sehr vielen verschiedenen Gruppen arbeitete, die ihrerseits die unterschiedlichsten sozialen Kreise anziehen und damit einen bunten Strauss von zum Teil auch stilleren «Öffentlichkeiten » generierte.

AL Was passiert mit den Nutzern eines solchen Areales wenn es dieses nicht mehr gibt? Kann man einen solch kulturellen Ort überhaupt ersetzen? PC Es gibt solche die bleiben können und solche die gehen müssen. So wenigstens die Position von Vivico und der Stadt. Natürlich sind dies nicht die Raumpioniere, sondern viel mehr die domestizierten Formen einer Kultur, die sich einer Ästhetik des Bricolage bedienen, sich aber von sozial-ästhetischen Zielwerten der Immobilienentwickler kontrollieren lassen. Städtebau ist per se immer vom Wunsch nach Kontrolle begleitet. Die innovativen Menschen und die engagierten sozial Benachteiligten verlassen jetzt schrittweise das Areal. Das nt/Areal zu ersetzen ist wenig spannend. Es war ein Projekt unter einer ganz bestimmten kulturellen Konstellation. Die heutige Ausgangslage ist anders und wird auch ganz andere und neue Projekte mit einem noch konsequenteren Verständnis von Öffentlichkeit als Verzicht auf territoriale Ansprüche aufkeimen lassen.

AL Können Sie einige der durch die Zwischennutzung nt/Areal entstandenen Projekte, Initiativen oder Begebenheiten schildern, die Sie persönlich als besonders interessant oder wichtig empfunden haben? PC Solche direkten kausalen Zusammenhänge sind etwas gefährlich, weil auch hier sehr viele Faktoren zusammenspielen. Über den Ort nt/Areal hat sich eine kulturelle Community und ein Netzwerk gebildet. Dies ist sicher ein wichtiger Faktor, von dessen Auswirkungen wir jetzt noch gar nichts wissen. Im Wissen, dass jetzt auf dem Areal aktiven Zwischennutzungen nur noch so weit geduldet werden, als sie der Umsetzung von rund 1 Milliarde Bauvolumen dienen, ist vor allem bei den kritischen Köpfen einiges in Bewegung geraten. Ich selbst beende mein Engagement oder besser gesagt, verlagere es in einen anderen Raum. Einige Studierende sind vergangenes Jahr zu mir gekommen, weil sie sich engagieren wollen. Inzwischen haben wir den Verein Neubasel gegründet mit dem Ziel, das entstandene Netzwerk zu stärken und dem Anliegen nach einer echten Urbanität Nachdruck zu verleihen, Know-how zu vernetzen und neue Formen von städtischen Räumen und deren Bewirtschaftungsformen zur Diskussion zu stellen. Eine erste Projekt-Provokation ist das Projekt Swim-city, ein Art schwimmender Central Park auf dem Rhein, an den sich verschiedenste «schwimmfähige» städtische Anbieter andocken können.

AL Es gibt Aktionen, wie z.B. die «Community Gardens» in New York, in denen Öffentlicher Raum zur Zwischennutzung angeeignet wird. Haben solche Projekte Potenzial für Sie und wieso sehen Städte und Politiker dieses nicht? PC Natürlich haben sie Potenzial und zwar vor allem was soziale Verantwortung und Kontrolle in der Stadt angeht. Projekte wie die «Community Gardens» sind nachhaltig, weil sie einen direkten Bezug und damit Verantwortung jedes Einzelnen zu seiner physischen und sozialen Umwelt herstellen. Littering, Kriminalität oder offene Drogenszenen sind bei solchen Projekten ein kleineres Problem, als dies in sogenannten Designparks der Fall ist.

AL Sie reden ja vor allem von Städten. Wären Zwischennutzungen auch in provinzielleren Gegenden wie z.B. Liechtenstein erwünscht bzw. kennen Sie solche funktionierende Projekte? PC Ehrlich gesagt, Zwischennutzungen stehen für mich nicht mehr im Vordergrund. Die spezifische Qualität eines nt/Areals oder vergleichbarer Zwischennutzungsprojekte aus den 90er Jahren sind nicht in der Tatsache einer Zwischennutzung begründet. Vielmehr waren Zwischennutzungen der einzige Ort, wo dem konzipierten Raum der Städteplaner ein gelebter Raum der Kulturschaffenden gegenübergestellt werden konnte. Inzwischen werden Zwischennutzungen von Behörden und Eigentümern zu einem Instrument der konzipierten Urbanität ausgebaut. Zwischennutzungen sind nur ein Möglichkeitsfeld. Kernfaktor ist ein ganz spezifischer Typus von Menschen, die keine Angst vor Kontrollverlust haben. Im Gegenteil! Dabei ist es egal, ob es sich um einen privaten Investor oder einen Besetzer handelt. Es gibt in allen Kreisen Menschen, die Stadt als Möglichkeitsfeld denken und nicht als Feld der Selbstdarstellung von Kontrollmacht missbrauchen. In Bezug auf sogenannte periphere Räume stellt sich nur eine Frage: Wie bringe ich solche Menschen dazu, in einer Stadt wie Vaduz, Lenzburg oder Laufen aktiv zu werden?


Philippe Cabane

ist freischaffender Soziologe, Städteplaner und Projektentwickler in Basel.

nt/Areal

ist seit Sommer 2000 standortfördernde Zwischennutzung des DB-Güterbahnhofareals in Basel und haucht dem Quartier Erlenmatt, während seiner 15 Jahre dauernden baulichen Entwicklung, erstmals neues Leben ein. Es steht aber für mehr als Groove und Gastro – denn es bedeutet innovative Stadtentwicklung für Basel.