AL
Wie kam es zur Zwischennutzung des nt/Areals? Waren Sie vorher schon an anderen Zwischennutzungen beteiligt?
PC
Basel war schon vor uns sehr gut erprobt mit einer Reihe von Zwischennutzungsprojekten. Als Städteplaner war mir bekannt, dass das Güterbahnhofareal der Deutschen Bahn städtebaulich entwickelt werden soll und dass Planungen dieser Grössenordnung sehr viel Zeit benötigen.
Wir selbst waren die meisten schon im Umfeld von Zwischennutzungen und Kunstprojekten aktiv.
Eigentlich stand das Team bereits, weil wir ein Lofthotel in der ehemaligen Kaserne am Rhein realisieren wollten. «Wohnen und arbeiten von einem Tag bis zu einem Jahr» war das Motto. Als das nicht klappte haben wir uns auf das DB-Güterbahnhofareal konzentriert und konnten nach langem hin und her einen Mietvertrag für die ehemalige Betriebskantine und das Wagenmeistergebäude aushandeln.
AL
Solche Zwischennutzungen sollten eine Win-Win-Situation für die Nutzer und die Stadt sein. Was bringt eine solche Zwischennutzung einer Stadt?
PC
Nicht nur für die Nutzer und die Stadt, vor allem aber auch für die Eigentümerin des Areals. Uns ist es gelungen, Zentralität und ein positives Image für eine periphere Lage der Stadt zu schaffen und haben der Eigentümerin einiges an Betriebskosten erspart, weil unsere Bewirtschaftung Unterhaltskosten für Sauberkeit und Sicherheit einsparte. Und schliesslich profitierte sie auch von einem Mehrwert der Grundstücke in Millionenhöhe. Die Bevölkerung (und damit die Stadt) profitierte vor allem dadurch, dass sie zwar 8 Hektar Grün- und Freifläche auf dem Areal plante, aber während der 10-jährigen Planungszeit handlungsunfähig war.
Wir haben nichts anderes gemacht, als das Areal als öffentlichen Freiraum zu bewirtschaften und damit den Menschen des Quartiers schon frühzeitig die ihnen politisch versprochenen Freiflächen zugänglich gemacht.
Die Stadt der Behörden profitiert natürlich theoretisch von unserem Bewirtschaftungsmodell, das viel kostengünstiger und sozial nachhaltiger ist als die übliche staatliche Bewirtschaftung von Plätzen und Parks. Nur stellt sich das Problem, dass unser Modell damit in direkte Konkurrenz zu den Behörden tritt. Anders gesagt: würden alle Freiflächen in Basel wie das nt/Areal bewirtschaftet, so «müssten» eine ganze Reihe von Stellen bei der Stadt, aber auch Bauaufträge an Dritte eingespart werden. Die Stadt profitiert natürlich auch direkt, indem sie eine Reihe von etablierten Projekten, etwa den Sonntagsflohmarkt, einfach «erben» kann.
AL
Als Ziel der Zwischennutzung des nt/Areals beschreiben Sie die städtische Entwicklung des Standorts durch das Fördern von öffentlichem urbanem Leben. Ist dies eingetroffen?
PC
Ja, das ist es. Und zwar mehr als ich mir es anfangs zu erhoffen wagte.
Der Ort lebte buchstäblich auf.
Zunächst war es natürlich schon eher die Konzert und Partykultur, weil anfangs eine Tagesnutzung wegen des noch laufenden Güterverkehrs ein Sicherheitsproblem darstellte. Mit der definitiven Stilllegung des Güterverkehrs konnte ich mit Unterstützung der Vivico das Freiflächenprojekt von ViP entwickeln und endlich das Areal auch offziell für das benachbarte Quartier öffnen.
Ein wichtiger Türöffner war der Sonntagsflohmarkt, der sehr schnell zum bunt gemischten öffentlichen Platz und Spiegel einer Quartieröffentlichkeit entwickelt hat.
Auf solchen Schlüsselprojekten aufbauend, konnten wir ein Freiflächenmanagement etablieren, das mit sehr vielen verschiedenen Gruppen arbeitete, die ihrerseits die unterschiedlichsten sozialen Kreise anziehen und damit einen bunten Strauss von zum Teil auch stilleren «Öffentlichkeiten » generierte.
AL
Was passiert mit den Nutzern eines solchen Areales wenn es dieses nicht mehr gibt? Kann man einen solch kulturellen Ort überhaupt ersetzen?
PC
Es gibt solche die bleiben können und solche die gehen müssen. So wenigstens die Position von Vivico und der Stadt. Natürlich sind dies nicht die Raumpioniere, sondern viel mehr die domestizierten Formen einer Kultur, die sich einer Ästhetik des Bricolage bedienen, sich aber von sozial-ästhetischen Zielwerten der Immobilienentwickler kontrollieren lassen.
Städtebau ist per se immer vom Wunsch nach Kontrolle begleitet.
Die innovativen Menschen und die engagierten sozial Benachteiligten verlassen jetzt schrittweise das Areal. Das nt/Areal zu ersetzen ist wenig spannend. Es war ein Projekt unter einer ganz bestimmten kulturellen Konstellation. Die heutige Ausgangslage ist anders und wird auch ganz andere und neue Projekte mit einem noch konsequenteren Verständnis von Öffentlichkeit als Verzicht auf territoriale Ansprüche aufkeimen lassen.
AL
Können Sie einige der durch die Zwischennutzung nt/Areal entstandenen Projekte, Initiativen oder Begebenheiten schildern, die Sie persönlich als besonders interessant oder wichtig empfunden haben?
PC
Solche direkten kausalen Zusammenhänge sind etwas gefährlich, weil auch hier sehr viele Faktoren zusammenspielen.
Über den Ort nt/Areal hat sich eine kulturelle Community und ein Netzwerk gebildet. Dies ist sicher ein wichtiger Faktor, von dessen Auswirkungen wir jetzt noch gar nichts wissen.
Im Wissen, dass jetzt auf dem Areal aktiven Zwischennutzungen nur noch so weit geduldet werden, als sie der Umsetzung von rund 1 Milliarde Bauvolumen dienen, ist vor allem bei den kritischen Köpfen einiges in Bewegung geraten. Ich selbst beende mein Engagement oder besser gesagt, verlagere es in einen anderen Raum. Einige Studierende sind vergangenes Jahr zu mir gekommen, weil sie sich engagieren wollen.
Inzwischen haben wir den Verein Neubasel gegründet mit dem Ziel, das entstandene Netzwerk zu stärken und dem Anliegen nach einer echten Urbanität Nachdruck zu verleihen, Know-how zu vernetzen und neue Formen von städtischen Räumen und deren Bewirtschaftungsformen zur Diskussion zu stellen.
Eine erste Projekt-Provokation ist das Projekt Swim-city, ein Art schwimmender Central Park auf dem Rhein, an den sich verschiedenste «schwimmfähige» städtische Anbieter andocken können.
AL
Es gibt Aktionen, wie z.B. die «Community Gardens» in New York, in denen Öffentlicher Raum zur Zwischennutzung angeeignet wird. Haben solche Projekte Potenzial für Sie und wieso sehen Städte und Politiker dieses nicht?
PC
Natürlich haben sie Potenzial und zwar vor allem was soziale Verantwortung und Kontrolle in der Stadt angeht.
Projekte wie die «Community Gardens» sind nachhaltig, weil sie einen direkten Bezug und damit Verantwortung jedes Einzelnen zu seiner physischen und sozialen Umwelt herstellen.
Littering, Kriminalität oder offene Drogenszenen sind bei solchen Projekten ein kleineres Problem, als dies in sogenannten Designparks der Fall ist.
AL
Sie reden ja vor allem von Städten. Wären Zwischennutzungen auch in provinzielleren Gegenden wie z.B. Liechtenstein erwünscht bzw. kennen Sie solche funktionierende Projekte?
PC
Ehrlich gesagt, Zwischennutzungen stehen für mich nicht mehr im Vordergrund. Die spezifische Qualität eines nt/Areals oder vergleichbarer Zwischennutzungsprojekte aus den 90er Jahren sind nicht in der Tatsache einer Zwischennutzung begründet. Vielmehr waren Zwischennutzungen der einzige Ort, wo dem konzipierten Raum der Städteplaner ein gelebter Raum der Kulturschaffenden gegenübergestellt werden konnte. Inzwischen werden Zwischennutzungen von Behörden und Eigentümern zu einem Instrument der konzipierten Urbanität ausgebaut.
Zwischennutzungen sind nur ein Möglichkeitsfeld. Kernfaktor ist ein ganz spezifischer Typus von Menschen, die keine Angst vor Kontrollverlust haben. Im Gegenteil!
Dabei ist es egal, ob es sich um einen privaten Investor oder einen Besetzer handelt. Es gibt in allen Kreisen Menschen, die Stadt als Möglichkeitsfeld denken und nicht als Feld der Selbstdarstellung von Kontrollmacht missbrauchen. In Bezug auf sogenannte periphere Räume stellt sich nur eine Frage:
Wie bringe ich solche Menschen dazu, in einer Stadt wie Vaduz, Lenzburg oder Laufen aktiv zu werden?
Philippe Cabane
ist freischaffender Soziologe, Städteplaner und Projektentwickler in Basel.
nt/Areal
ist seit Sommer 2000 standortfördernde Zwischennutzung des DB-Güterbahnhofareals in Basel und haucht dem Quartier Erlenmatt, während seiner 15 Jahre dauernden baulichen Entwicklung, erstmals neues Leben ein. Es steht aber für mehr als Groove und Gastro – denn es bedeutet innovative Stadtentwicklung für Basel.