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undefinedDass Architekten und Künstler gegen die Verankerung von Architektur an einem Ort und womit gegen die Markierung von Stelle anlaufen, ist kein neues Phänomen und hat vielfältige Gründe. Auch die kulturellen Dynamiken, die dabei propagiert werden, entspringen unterschiedlichen Motiven. Sie reichen vom Anarchismus bis zur Perfektionierung kapitalistischer Strukturen. Allen Ansätzen gemeinsam ist, dass der Raum spätestens seit der Moderne nicht mehr als hermetisch abgeschlossener Bereich gedacht werden kann. Frank Lloyd Wright proklamierte eine «destruction of the box», begriff den Innenraum aber weiterhin als die eigentliche Realität des Hauses. Der klassische Raumbegriff, der auf einer zentralperspektivisch abbildbaren Raumkonzeption einer euklidischen Geometrie basiert, konnte erst nach Einführung der Zeit in die Konzeption von Architektur seine Korrektur erfahren. Statik bezeichnete Le Corbusier als Akademismus und orientierte sich an Zeit- und Raummaschinen, wie etwa dem Flugzeug. Die Futuristen bevorzugten die Architektur von Transitoren und forderten für Gebäude die Dynamik und Bewegung einer Maschine. Sie beschworen in ihren Entwürfen und Manifesten die Entwurzelung des Menschen und seine Identifikation mit der Maschine.
Eine weitere Ausdehnung und Temporalisierung erfuhr der Raumbegriff unter den Konstruktivisten, wovon etwa der Entwurf für ein Columbus-Denkmal in Santa Domingo von Iwan Leonidow (1929) zeugt. Zwei 300 m hohe Sendemasten mit integrierten Radiolaboratorien sollten eine Ton- und Bildverbindung in die gesamte Welt herstellen. Friedrich Kiesler nahm 1930 die heutigen Entwürfe zu Medienfassaden der Dekonstruktivisten vorweg. In «Contemporary Art Applied to the Store» integrierte Kiesler Empfangsflächen für fernübertragende Bilder in den Wänden, womit sein «Telemuseum» einen Vorläufer jener Museen darstellt, die bemüht sind, ihre Sammlungen im virtuellen Raum fortzuführen. Die Ankunft von Informationen aller Art beginnt die physische Ortsveränderung abzulösen, womit Immobilien zum statischen Mobil werden. Architektonischer Raum wird hier bereits über die Mauern hinaus als ein unabgeschlossener Bereich gedacht, der durch Kommunikation mit anderen Räumen bestimmt wird.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die formelle Anbindung an das Maschinenmodell manifest, indem Gebäude als am Ort stillstehende Motoren und ihre Verbindungsstrassen als Transmissionsriemen gefasst werden. In den 50er/60er Jahren entwerfen Architekten und Gruppierungen wie Archigramm, Constant oder die japanischen Metabolisten Architekturen, die Veränderung, Bewegung und Metamorphose postulieren. In Constants Utopie eines New Babylon zum Beispiel befindet sich alles in permanenter Fluktuation, werden Menschen aus allen Bindungen befreit, und bildet Architektur eine möglichst autonome technische Umwelt. Constant schafft die Vision eines «variablen Sozialraums» und eines architektonischen Raums in Form einer «flexiblen Umwelt», in der die Freiheit besteht, jeden gewünschten Zustand künstlich herzustellen. Architektur koppelt sich von der natürlichen Welt ab und bildet eine eigene Welt, die an die virtuellen Welten heutiger Computersimulationen erinnert. Der Künstler und Architekt wird bei Constant zu einem homo ludens und Nomaden, dessen Aktionsradius den gesamten Globus umspannt. Die Auflösung starrer Architektur und das Verlangen, sie in Bewegung zu versetzen, muss aber in jedem Fall als ein Symptom für den Verlust von Öffentlichkeit und als das Bemühen der Architektur, neue Konzepte für einen sogenannten «öffentlichen Raum» zu erstellen, gewertet werden. Architektur, die an einem Ort steht, wird in eine «Archetektur» verwandelt, in ein Schiff, das durch einen virtuellen Raum navigiert. Jene falsche Etymologie, nach der die Arche die Urform des Gebauten darstellen soll, fordert ihren Tribut, indem das Haus sich mit dem Automobil zur industriellen Utopie verquickt.
Unter dem Diktat des Konsums mutieren Orte zu Stätten der Gleichförmigkeit, die eine warenästhetische Identifizierung anvisieren. Stadtraum und in weiterer Folge auch Landschaftsraum wird in einen hyperbolischen Raum transformiert, wo anhand der Gleichförmigkeit und des konformen Angebotes unendliche Orte von unendlicher Beschränktheit zu liegen kommen: Man bekommt überall alles, aber immer ist es dasselbe. Kaufhäuser und Shopping Malls rücken zunehmend als Gestaltungsmöglichkeiten von Freizeit in den Mittelpunkt des Konsumverhaltens. Café, Theater, Warenhaus, Galerie, Arztpraxis finden sich dort am selben Ort ein. Ihrer Funktion und Ästhetik nach werden diese Orte zu Aggregaten, wie wir es von den Unterhaltungsmustern des Fernsehens gewöhnt sind. Gesellschaft erfährt eine Inszenierung und Kultur verkommt zu einem Geschäft, dessen Preis die Ausschaltung aller Aspekte einer nichtkommerziellen Kultur ist. Es vollzieht sich eine Verfilzung von Orten hin zu einem Sprawl, das marktstrategisch organisiert ist, indem es jede Stelle zum Mittelpunkt eines konsumzentrierten In-der-Welt-Seins macht und jede Regung einer kulturellen Ausdifferenzierung in ein statisches Floating des kapitalistischen Motors einspeist. Wohin man im Sprawl sich auch bewegt, es findet keine Ortsveränderung statt. Die Freiheit zur ständigen Veränderung des eigenen Standpunkts für die Anschauung der Welt und somit auch die Freiheit der Selbstbestimmung, erscheint hier verstellt.
Ein Leerraum als Spielraum, in dem Platz für Möglichkeitssinn bleibt und wo Aussicht auf Veränderbarkeit und Sinnge-nerierung vorhanden ist, wird im Zement der Fundamentalisierung zur Erstarrung gebracht und verbaut. Die heutigen Kriegsstrategen sind nicht mehr Generäle, sondern Marketingfachleute und Corporate Identity-Berater, die die mediale Schnittstelle sogenannter Öffentlichkeit zur Front ihres Konsumkrieges erklären. Das Opfer dieses Kampfes ist die Demokratie, deren Sinnbild, der öffentliche Raum, zum Set eines hermetisch abgeschotteten Schauplatzes geworden ist.
Abgesehen von theoretischen Reflexionen wie unter anderen Virilios Dromologie, Sloterdijks Kritik am Mobilitätswahn, Flussers Vision vom Ende der Sesshaftigkeit oder Baudrillards Fatalismus, sind Architektur und Kunst in ihrer Praxis gefordert, sich gesellschaftspolitischen Strömungen zu stellen und ihre Positionen, Möglichkeiten und Funktionen vor dem Hintergrund einer immer komplexer erscheinenden Realität ständig von neuem zu überprüfen. Im Umfeld eines omnipräsenten, Gleichförmigkeit und Indifferenz fordernden Medienverbundes, in dem Waren und Informationen in einem alles umspannenden Netz zirkulieren, beginnen sich Menschen wieder verstärkt in Nischen einzurichten und an schon längst überwunden geglaubte Identitäten zu klammern. Die Überschreitung geographischer und materieller Grenzen durch Techniken der Telematik scheint dabei zu einem umgekehrt proportionalen Bedürfnis zu führen, das im Verlangen nach neuen Grenzen und alten Identitäten zum Ausdruck kommt. Eine allgemeine Unsicherheit, die mit dem Gefühl des Entzuges des eigenen Ortes und damit verbunden der eigenen Identität einhergeht und als Bedrohung gefasst wird, wird zum Auslöser eines anachronistischen Bedürfnisses nach ideologischer Positionierung. Eine ideologische Umlegung des Ortsbegriffes auf das Territorium in Form von Fremdenhass etwa ist dafür nur eines von vielen Symptomen.
Architektur und Kunst, deren Aufgabe es immer schon war, Orientierungs- und Ordnungspunkte zu setzen und Orte zu markieren, erwachsen in diesem Zusammenhang neue Funktionen, die nach neuen Taktiken verlangen, um gesellschaftlicher Realität Genüge zu leisten. Eine Kultur im Zeichen der Mobilität verlangt nach einem Denken, das Architektur weiter fasst als die «Einfalt des Gevierts» und von der Kunst mehr erhofft als die Absteckung von Grenzen, innerhalb derer Ordnung sichtbar gemacht und vereinfacht werden kann. Kunst kann nicht heissen, die Welt zu begrenzen und innerhalb dieser Grenzen sie in Ordnung zu bringen, sondern es ist ihre Aufgabe, Methoden der Aggregation und Komplexitätssteigerung zu entwerfen, die in der Lage sind, Wahrnehmungsprozesse innerhalb und ausserhalb von Orten und ihrer Grenzen zu provozieren.
Thomas Feuerstein
ist Künstler und Autor. Seine Arbeiten und Projekte realisieren sich in unterschiedlichen Medien und umfassen Installationen, Objekte, Zeichnungen, Malereien, Skulpturen, Fotografien, Videos, Hörspiele und Netzkunst. Wesentliche Aspekte bilden das Zusammenspiel sprachlicher und visueller Elemente, das Aufspüren latenter Verknüpfungen zwischen Fakten und Fiktionen sowie die Verschränkung zwischen Kunst und Wissenschaft – wofür er die künstlerische Methode der «Konzeptuellen Narration» entwickelte.
Thomas Feuerstein lebt in Wien (A).
www.myzel.net
* Thomas Feuerstein, ORT UND ALIBI – Der Künstler als Translokateur, in: Mer/Feuerstein/Strickner (Hg.), TRANSLOKATION, Wien 1994, S. 105–147