AL
Bei Eurem aktuellen Projekt des österreichischen EXPO Pavillons für Shanghai ist Musik quasi die Ur- und zusammenhaltende Substanz des Gebäudes. Musik vom Barock bis ins Jetzt. Wie kann der EXPO Besucher die Musik im Pavillon wahrnehmen? Räumlich? Visuell? Akustisch? etc.
MdC
Ausgangspunkt des Entwurfs für den österreichischen Pavillon auf der Shanghai Expo war die Idee, Akustik als formgeneriendes Element zu verwenden. Ausgehend von dieser These haben wir den Hauptraum des Pavillons entworfen, der auch als Raum für musikalische Aufführungen dienen soll. Um diesen Kern herum entfalten sich die weiteren Räume, wie Restaurant, VIP-Bereich, Shop, Back of House Area usw. Diese Räume sind alle nahtlos miteinander verbunden und gehen kontinuierlich ineinander über. Der zweite wichtige Aspekt, der formgenerierend wirkte, war die Anwendung topologischer Flächen, die es ermöglichten, Innen und Aussen, sowie die Räume untereinander übergangslos zu verknüpfen.
AL
Welche Rolle spielt Musik für dich/euch und bei euerer Architektur? Was für Musik horchst du z. B. zum Entwerfen? Ist das je nach Gebäude verschieden oder gibt es da ein Muster zu verschiedenen Tätigkeiten?
MdC
Musik spielt bei uns im Büro eine enorm wichtige Rolle. Ich kann zum Beispiel eigentlich immer ganz gut arbeiten, wenn ich mir die Kopfhörer aufsetze und mir einen tollen neuen Mix von einem der zahlreichen Podcasts für elektronische Musik, die ich abboniert habe, anhöre. Ein bisschen wie bei einem Galeerensklaven, der dem Rhythmus der Trommel folgt, gibt mir der Beat den Takt an, in dem ich arbeite. Ich denke schon, dass es da ein Muster gibt in dem, was ich mir anhöre. Am Anfang eines Projektes höre ich mir ganz gerne deepe, soulige House Mixe an, dabei kann ich eigentlich am besten Ideen generieren. Wenn es dann in Richtung Ausarbeitung geht, verschiebt sich die Musik Richtung Techno, vor allem Detroit lastige Mixe, oder Basic Channel, Maurizio und Electronic Groove Podcasts. Dann, gegen Ende, wenn es um die Abgabe geht bewegt sich die Musik oft Richtung Drum & Bass.
AL
In einem Interview mit deiner SPAN-Partnerin Sandra Manninger habt ihr gesagt: «Wir glauben an das neue Material ‹Computer›. Unser Fokus liegt auf der Form, weil wir denken, dass zuerst das Design und erst dann das Material dazukommen wird.» Ihr lässt also mit bestimmten Parametern und Algorithmen eure Gebäude entstehen? Folgt die Funktion dann der Form?
MdC
Wir machen uns die generativen Prozesse, die der Computer beschleunigt darstellen kann, zunutze, um zu einem Ergebnis zu kommen, wobei die evolutionären Prozesse, die dabei vonstatten gehen, natürlich in erster Linie durch von uns festgesetzte Parameter gesteuert werden. Wir nutzen den Computer nicht nur dazu, Ideen, die wir im Kopf haben, zu visualisieren, sondern wir treten in einen Dialog mit der Maschine. Dabei beeinflussen wir durch unsere Interaktion natürlich massiv den generativen Prozess. Doch der Computer hilft uns dabei zu Ergebnissen zu gelangen, die für uns überraschend, neu, oder unerwartet sind. Diese unerwarteten Resultate sind eigentlich das Spannendste an dieser Form des Entwerfens, denn manchmal können diese Ergebnisse eigene festgesetzte Ideen über Architektur erschüttern. Wie eine spontane Mutation in der Natur kann dabei etwas Neues, Nützliches, oder einfach nur Schönes entstehen. Ich weiss nicht ob die Form der Funktion folgt, ich denke das lässt sich nicht so simplifizieren, es sind wesentlich mehr Komponenten, die einer Form eine Funktion zuordnen, manchmal ist diese offensichtlich, manchmal spielt sich diese Funktion auf einer Ebene ab, die ausserhalb der oberflächlichen Wahrnehmung stattfindet. Hierbei sprechen wir gerne über den Affekt eines Raumes, der durch Form, Beschaffenheit, Koloration oder Oberflächenartikulation definiert wird.
AL
Können diese Parameter und Algorithmen z.B. von Partituren aus der Musik abgeleitet sein? Oder sind das rein mathematische Systeme bzw. solche aus der Natur. Oder ist es gar der Zusammenschluss von beidem?
MdC
Mathematik ist die universelle Sprache, die alles zu beschreiben vermag, ob das nun die Muster sind, welche in einem Stück Musik vorkommen, die Verzweigungsregeln von Bäumen oder die Geometrie der Schale eines Nautilus – all das beruht auf mathematischen Systemen, und je mehr Rechnerleistung wir haben desto feiner wird die Auflösung dessen, was wir in diesen Systemen erkennen, und auch wie wir uns diese Regularien zunutze machen können um Architektur zu entwickeln. Wir beschäftigen uns schon seit mehreren Jahren mit der Geometrie organischer Systeme, und wie wir diese in der Architektur anwenden können, wobei sich das Feld immer mehr erweitert. Neue Software macht es möglich zum Beispiel eine Menge Umweltfaktoren in den Entwurf zu inkludieren oder biologische Prozesse zu emulieren. Natürlich haben die Umweltbedingungen wie Wind, Sonnenbestrahlung, Gravitationskräfte, usw. massiv Einfluss auf die generativen Prozesse unserer Projekte. Die Kombination aus Rechner-leistung und verschiedener Software, die auch aus architekturfremden Disziplinen entspringen können, erlaubt innovative Zugänge zu architektonischen Projekten.
AL
Ihr glaubt, dass zuerst das Design und dann das Material kommt. Was glaubst du bei der Musik, war zuerst der Klang und dann der Raum? Schliesslich heisst es ja ‹Urknall›.
MdC
Ohne Raum kein Klang. Jedes Musikinstrument braucht Raum um zu klingen, und es braucht Luft, um den Klang zu übertragen. Insofern war der Urknall wahrscheinlich lautlos, denn es hatte ja kein Übertragungsmedium. So sehen wir die Aufgabe des Architekten darin, Materie auf eine kontrollierte und rigorose Weise zu organisieren. Diese kontrollierte und rigorose Weise lässt sich sehr beeindruckend in organischen Systemen beobachten. Nur um ein Beispiel zu nennen: In der Natur ist Material teuer, Form jedoch billig. Deswegen hat die Natur Strategien entwickelt, grösstmögliche Flächen und Volumen mit minimalen Materialaufwand zu generieren: Blätter, Insektenflügel, Federn, Pelze. Versteht man einmal die Systematik dahinter, ist es möglich diese in architektonische Projekte zu inkludieren, ohne dabei in metaphorische Biomorphismen zu verfallen.
AL
Was war bei dir zuerst – das Schaffen von Raum oder von Klang? Wie ist das bei deiner eigenen Musik? Entsteht diese ähnlich wie deine Architektur durch Parameter und Algorithmen im digitalen Raum bzw. kommt dann aus dem Raum der Kopfhörermuscheln in den realen?
MdC
Mit Sicherheit das Schaffen von Raum. Hin und wieder überschneiden sich die Pfade von Architektur und Musik, wie etwa als uns ein befreundetes Technolabel aus Berlin, Central, uns darum bat, ein architektonisches Konzept für sie zu entwickeln als CI ihres Labels. Wir entwarfen das Konzept einer endlosen digitalen Stadt, die sich dreidimensional im Raum ausbreitet. Das digitale Modell, das wir damals gemacht haben, das war so Mitte der 90er, wird immer noch vom Label verwendet. Immer wieder anders gedreht und gerendert ergibt das eine unendliche Zahl möglicher Grafiken für ihre Plattencover. Das letzte Mal, dass ich selbst Musik gemacht habe, ist leider schon viel zu lange her. Im Prinzip ist aber die Vorgangsweise eine ganz ähnliche wie bei der Architektur: Bestimmte Parameter, wie ein 4/4 Raster, und innovative Sounds ergeben einen Track. Das Wichtige dabei ist, etwas in die Musik, wie auch in die Architektur mit einzubringen, was kaum berechenbar und überraschend ist und am Ende eine emotionale Reaktion beim Zuhörer/Benutzer auslösen soll.
AL
Du hast jahrelang für das Magazin Falter, aber auch für den ORF, als Musikjournalist gearbeitet, welche speziellen Erfahrungen hast du dabei gesammelt.
MdC
Beim Falter habe ich sicher gelernt, mich kurz zu fassen, und Deadlines einzuhalten (lacht). Nein, also ohne Spass, der Falter war sicher ein gutes Training um Architektur nicht einfach nur mit Zeichnungen und Modellen zu beschreiben, sondern eben auch mit Sprache. Das hat sicher auch zu meinem Interesse an Architekturtheorie beigetragen, und inwiefern Sprache neue architektonische Konzepte beschreiben oder auslösen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass Architektur-theorie massiv zu innovativen Konzepten beitragen kann, und in der Lage ist, die Welt, in der wir als Architekten arbeiten, so zu beschreiben, dass die Identität und Rolle der Architektur in ihr klar wird. Die Arbeit für den ORF war ähnlich gelagert wie für den Falter. Lustig war, dass die Journalisten, die in der Gruppe tätig waren zu der auch ich gehörte, wohl als erste in Österreich mit Blogging herumexperimentiert haben. Sowohl die Arbeit für Falter, wie auch beim ORF waren eine tolle Übung um komplexe Inhalte effektiv zu vermitteln, etwas, das in der Architektur sehr wertvoll ist.
AL
Ihr macht immer wieder Ausstellungen und Präsentationen im In- und Ausland. War dabei die Musik/Akustik auch schon ein eigenes Thema?
MdC
Der Expo Pavillon ist das erste Projekt bei dem Musik, oder Akustik, im Rahmen des Entwurfes eine tragende Rolle gespielt hat. In erster Linie geht es uns immer darum, rigoros unsere Sehnsucht nach Innovation, oder nach Zukunft zu stillen. Wir sind obsessiv, wenn es darum geht, neue Ideen, Theorien oder Techniken, anzuwenden, die uns einen Schritt vorwärts erlauben. Insofern ist das experimentellste Projekt das wir machen immer das nächste.
Matias del Campo
1970 geboren in Santiago, Chile. Er studierte Architektur an der Universität für angewandte Kunst in Wien, in der Meisterklasse von Hans Hollein. Von 1995 bis 1998 war er Redakteur bei der Zeitschrift ‹Falter› und von 1998 bis 2001 Korrespondent für den ORF. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen als Einzelkünstler oder zusammen mit Sandra Manninger unter dem Label SPAN. Ihre Aktivitäten umfassen Architektur, Design, Ausstellungen und Vorträge sowie Lehraufträge an Institutionen wie dem ESARQ in Barcelona, am Bauhaus in Dessau und der Angewandten in Wien.
www.span-arch.com
http://span.vox.com