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Computer aus – Hirn an

Veröffentlicht am: 16.03.2017
Die diesjährige Reihe der «Campus Gespräche» der Universität Liechtenstein fand mit dem vierten Vortrag zum Thema «Über Morgen – Innovationen und Gestaltungsmöglichkeiten auf der Spur» ihren Abschluss. Gastreferent des Abends war der Gründer und Leiter von W.I.R.E., Dr. Stephan Sigrist.

W.I.R.E. ist ein europaweit führender interdisziplinärer Think Tank, der sich seit rund zehn Jahren  mit der frühen Erkennung neuer Trends und deren Übersetzung in Strategien und Handlungsfelder für Unternehmen und öffentliche Institutionen beschäftigt.

Sigrist machte von Anfang an deutlich, dass sich die Zukunft trotz aller Digitalisierung und zur Verfügung stehenden Datenmenge auch heute noch nicht vorhersehen lässt. Dazu gebe es zu viele Einflussfaktoren und eine zu hohe Komplexität. Die Wissenschaft arbeite zwecks besseren Verständnisses immer nur mit kleinen Teilbereichen, für die sich durchaus Wahrscheinlichkeiten vorhersagen lassen, doch das Gesamtbild gerät nach Sigrists Verständnis dabei aus dem Blickfeld. Für ihn stellt sich die Notwendigkeit, in allen Disziplinen breiter zu denken.

Offizielle und inoffizielle Zukunft

Spannend war seine Unterscheidung in eine offizielle und eine inoffizielle Zukunft. So dient bei der offiziellen Zukunftsvision «die Vermessung des Alltags von Gesellschaft und Wirtschaft als Basis für eine intelligente Infrastruktur, in der repetitive Muster an digitale Systeme ausgelagert werden» können. Sobald es aber um weiche Faktoren wie Vertrauen gehe, liessen sich diese nicht über Algorithmen abbilden, dort brauche es auch in Zukunft den Menschen. In der offiziellen Zukunft könnten Angebot und Nachfrage optimal aufeinander abgestimmt werden, virtuelle Realitäten wären die Basis für neue Formen der Kommunikation, Erlebnisse und Kontrolle.

«In der inoffiziellen Zukunft stösst die Entscheidung mittels Algorithmen aber an ihre Grenzen», führte Sigrist aus. Die Auswertungen der erfassten Daten stösst an ihre «technische Limitation, man muss unbedingt wissen, wonach man sucht, denn die Datenmenge wächst schneller als ihre Verarbeitung». Ausserdem gelte es zu beachten, dass «mehr Daten keine besseren Resultate liefern und ein zu viel an Information die Menschen überfordere». Die Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen steige nicht mit der Datenmenge, sondern führe eher zu einer Verstärkung von Halbwissen mit Risiken für die Entscheidungsfindung, erklärte der Referent.

Filter Bubble

Grosse Probleme sieht Sigrist auch darin, dass personalisierte Suchalgorithmen zur sogenannten «Filter Bubble» führen, also zu reduzierten Perspektiven, verstärkter Standardisierung, schlicht zu einem Mehr von Gleichem. Durch diesen «Wegfall der Differenzierung geht Innovationskraft verloren», ist sich Sigrist sicher. Während die offizielle Zukunft Innovation durch mehr Technologie und höhere Geschwindigkeit verspricht, sieht Sigrist in der inoffiziellen Zukunft Innovation in der Reduktion auf das Notwendige und in der Ausrichtung auf den Menschen. Für seine Definition einer «wünschbaren Zukunft» sollten digitale Kompetenzen in den Schulen unterrichtet werden, es brauche „Freiheit und den Mut zum Experiment sowie zum Scheitern. Der gesunde Menschenverstand muss gefördert werden oder kurz: Computer aus – Hirn an».

In der anschliessenden Gesprächsrunde waren sich die Gäste Dr Thomas Hirt, CTO Ivoclar Vivadent AG, und Prof. Dr. Lorenz Risch, CEO Labormedizinisches Zentrum Dr. Risch AG, mit dem Referenten einig, dass alleine mehr Daten keine Verbesserung für den Kunden oder Patienten mit sich bringen. Vielmehr käme es darauf an, aus der Datenfülle die Entscheidungsrelevanten herauszufiltern. Risch führte als Beispiel einen Krebspatienten an, dem nicht mit einer maximalen Therapierung bis zum Tod gedient ist, sondern damit, genau all das zu erfahren, was ihm bei der individuellen Entscheidungsfindung hilft. Auch Hirt bestätigte, dass seinen Kunden, Zahnärzten,  am besten damit gedient ist, wenn sie durch Big Data-Algorithmen optimal individualisierte Produkte erhalten, die sie Zeit für die Behandlung ihrer Patienten gewinnen lassen, anstatt selbst aufwendige Analysen durchzuführen. Einig war sich das Podium darin, dass es in Zukunft neugierige, positiv eingestellte Menschen braucht, die bereit sind, Erfahrungen auch jenseits der bekannten Pfade zu sammeln.

Seinen Abschluss fand der informative und kurzweilige Abend wie immer bei einem Apéro, an dem eifrig weiterdiskutiert wurde.

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