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Für eine neue Beziehung zwischen Gesellschaft und Universität

published 02.07.2018
Universitäten sind für Lehre und Forschung da – what else? Für Begegnung, kritische Reflexion, Kreativität für die Gesellschaft und im Austausch mit ihr. Unter welchen Umständen das am besten gelingt, untersucht ein neues Forschungsprojekt, das auch für die Uni Liechtenstein Massstäbe setzen will.

Früher, so dachten viele, war das klar geregelt. Hier die Institutionen, die Wissen schaffen – dort die Gesellschaft, in der das Wissen umgesetzt wird. Schliesslich hatte Plato eine Akademie vor den Toren Athens gegründet, um nicht abgelenkt zu werden vom pulsierenden Leben der Stadt. „Doch eine rigorose Trennung funktioniert nicht – erst recht nicht für die Wissensgesellschaft, in der wir leben. Wir müssen zusammenarbeiten, sonst kommen wir nicht voran“, sagt Dalal Elarji. Sie untersucht in einem aktuellen Projekt des Instituts für Architektur und Raumentwicklung, wie dieses Miteinander konkret ausgestaltet werden kann.

„Die Frage, wie Hochschulen als wirtschaftliche Innovationsmotoren wirken, ist gut und richtig. Dabei werden aber meist die kulturellen und politischen Dimensionen von Veränderungsprozessen vergessen.“ Christoph Michels

Unter dem Titel OSCAR geht es um Hochschulbeispiele, in denen aktive Teilhabe an einer nachhaltigen Entwicklung in der Region gefördert wird. Das Team untersucht dabei, wie Räume für Kreativität und Reflexion an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft entstehen. OSCAR-Projektleiter Christoph Michels sagt: „Wir wollen verstehen, wie die Uni aus ihrem Elfenbeinturm heraustreten kann und wie ihre Grenzen gestaltet sind.“ Dafür werden die Wissenschaftler jeweils rund zwei Wochen an ausgewählten Hochschulen verbringen und das Verhalten der Menschen in diesen Räumen beobachten.

Ganzheitliche Perspektive

Wer denkt, das Miteinander zwischen Hochschulen und Gesellschaft sei ohnehin bereits lange Usus, der hat vielleicht Gründerzentren oder Kooperationen mit Unternehmen im Kopf. Auf das Ökonomische fokussiert nämlich die bisherige Forschung laut Michels. „Die Frage, wie Hochschulen als wirtschaftliche Innovationsmotoren wirken, ist gut und richtig. Dabei werden aber meist die kulturellen und politischen Dimensionen von Veränderungsprozessen vergessen“, sagt er. Damit spricht er Räume für Kreativität an, zum Experimentieren mit kulturellen Praktiken wie etwa neuen Formen der Beteiligung. Denn kulturelle Praktiken haben die Macht, gesellschaftliche Entwicklungen – auch in der Wirtschaft – zu befeuern oder zu bremsen.

„Eine rigorose Trennung zwischen Hochschule und Gesellschaft funktioniert nicht – erst recht nicht für die Wissensgesellschaft, in der wir leben. Wir müssen zusammenarbeiten, sonst kommen wir nicht voran.“  Dalal Elarji

Die Forscher wollen insbesondere herausfinden, welche Rolle Architektur und Stadtplanung in diesem Zusammenhang einnehmen können. Dabei geht es laut Dalal Elarji um positive Gegenentwürfe für das, was augenblicklich zum Beispiel in China stattfindet. Dort werden Mega-Universitäten auf der grünen Wiese umgesetzt, in denen zehntausende Akademiker und Studierende abgeschottet vom Rest des Landes arbeiten. Aber auch in unseren Breitengraden lebt die Tradition der Campus-Universitäten fort. Michels sagt: „In den 60er-Jahren wurden viele Hochschulen aus den Innenstädten in Randgebiete verlegt – man war der Meinung das universitäre Leben besser kontrollieren zu müssen.“ Und diese Infrastrukturen sind beständig.

St. Gallen geht innovative Wege

Zwar wird viel gebaut an Hochschulen, doch nur selten sind Schritte wie in St. Gallen zu beobachten. Die dortige Universität befindet sich auf dem Rosenberg – nicht weit von der Innenstadt entfernt, aber hoch über ihr. Auf dem Areal Platztor in unmittelbarer Nähe zur Altstadt plant der Kanton nun einen neuen Standort für 3000 Studierende. Der Neubau könnte frühestens 2027 stehen. Zu spät, als dass die Forscher das Leben dort unter die Lupe nehmen könnten. Auch ein weiterer Neubau der Universität St. Gallen wird erst 2022 fertig: das HSG Learning Center. Der dazugehörige Architekturwettbewerb wurde gerade eben abgeschlossen. Gewonnen hat ein Projekt, das sich architektonisch besonders auf das didaktische Konzept eingelassen hat. Glaselemente verbinden Innen und Aussen, die Räume können je nach Bedarf immer wieder verändert werden, es gibt speziell konzipierte Gruppenarbeitsräume und Arenen für Debatten. Hier sollen Studierende, Lehrende und Personen aus der Praxis zusammenkommen.

Reflexionsorte müssen angenommen werden

Bereits gestartet wurde an der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich ein weiteres Projekt, das das OSCAR-Team im Blick hat. Als Pilotstation wurde in einem bestehenden ETH-Gebäude das sogenannte Student Project House SPH eingerichtet. Studierende sollen sich hier jenseits des Curriculums mit eigenen Projekten austoben und dabei nicht nur konzipieren, sondern auch gleich Prototypen fabrizieren können. Es stehen Mentoren zur Verfügung, Workshops kurbeln die Inspiration an. 2019 soll das SPH in das ehemalige ETH-Fernheizkraftwerk umziehen, ein neues Gebäude ist für einen zweiten Standort geplant.

An diesem Beispiel lässt sich ein Gedanke erläutern, der das OSCAR-Projekt grundlegend trägt. Die Forschenden untersuchen Räume, die sie als Heterotopie beschreiben. Nach dem Philosophen Peter Sloterdijk schafft sich eine Gesellschaft mit Hochschulen Reflexionsorte, an denen herrschende Logiken ausgesetzt, überdacht und neu erfunden werden. So gibt es im Student Project House keine Noten von Professoren, Erfindungen können ohne Investor zum Prototypen werden, jeder externe Partner und jedwede interdisziplinäre Kooperation sind willkommen. Dalal Elarji sagt: „Es ist nicht sicher, dass solche Angebote ihre Wirkung entfalten. Ob und wie sie genutzt werden, hängt nicht zuletzt von der Atmosphäre dieser Räume ab.“ Und das werden die Liechtensteiner in fünf Fallstudien analysieren. Ihr Fokus liegt darauf, wie die Räume beschaffen, ausgestattet, gestaltet sind, wie Menschen diese nutzen, sich darin verhalten und interagieren.

Erkenntnisse für die Zukunft in Vaduz

Durch die ethnographischen Studien will das Team einen Katalog an Praktiken erarbeiten, wie diese neuen Räume entstehen können, um bestmöglich die regionale Entwicklung zu befördern. Und ja – von den besten will man lernen: Das Projekt soll den Weg bereiten für Pläne der Universität Liechtenstein. Natürlich sind Grossstadt-Ideen nie eins-zu-eins auf Vaduz anzuwenden, „dennoch lassen sich einige Mechanismen übertragen“, sagt Michels. Und Dalal Erlarji ergänzt: „Für Liechtenstein geht es um die Universität in ihrem weiteren regionalen Kontext – auch mit den Nachbarstaaten.“ Und da ein Ziel eine enge Interaktion vieler gesellschaftlicher Akteure sei, könnte sich die Kleinheit Liechtensteins wieder einmal als grosser Vorteil herausstellen.