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Gekommen, um zu bleiben?

Veröffentlicht am: 18.05.2016
Von überall zieht es die Menschen ins Rheintal - als Student, Fachkraft, Unternehmer oder aktuell als Flüchtling. Stellt sich die Frage: Wie kann die Region die Herausforderungen durch diesen multikulturellen Zuzug meistern?

von Christiane Mähr

Rund 480 000 Menschen leben im Rheintal– Tendenz steigend. Das hängt allerdings wenig mit dem Flüchtlingsstrom zusammen, der Europa seit Monaten in Atem hält. Das Heranwachsen des Rheintals zu einem polyzentrischen Ballungsraum ist vielmehr eine Entwicklung, die ihren Anfang schon vor Jahrzehnten genommen hat.

Wir verdichten nicht, sondern entflechten.

«Im Hinblick auf die Raumentwicklung werden wir immer mehr mit der Thematik der sozialen Integration zu tun haben,» ist Dipl.-Ing. Arch. Hugo Dworzak, Leiter des Instituts für Architektur und Raumentwicklung der Universität Liechtenstein, überzeugt. Dworzak betont, dass es in Zukunft weniger Wohn- als vielmehr Lebensräume zu schaffen gilt. Dass sich die bewohnten Gebiete des Rheintals dadurch aber noch weiter ausdehnen, schwebt demArchitekten nicht vor: «Die Menschen an den Rand zu drängen, damit man beispielsweise mit anderen Kulturen möglichst wenig zu tun hat, ist ein Kapitalfehler, den wir aber leider sehr oft und immer wieder begehen. Wir verdichten nicht, sondern entflechten.»

Seit Jahren werden Industrie, Gewerbe und Geschäfte an die Peripherie gedrängt, und gleichzeitig im Zentrum Wohnrauminseln geschaffen, wo nichts passiert. Die Folge: Man muss sich erst einmal ins Auto setzen, um dem Beruf nachgehen zu können, Einkäufe zu tätigen oder sich mit Freunden zu treffen. Dabei wäre es einzig beim Verkehr sinnvoll, ihn an den Rand zu drängen.

Was hat soziale Integration mit Raumentwicklung zu tun? Warum bedeutet Verdichtung eigentlich Vermischung? Wo spielt sich das wahre Leben überhaupt ab? Im Gespräch gibt Hugo Dworzak Antworten auf diese Fragen.



Seit Jahren drängen die Menschen ins Rheintal: vom Flüchtling bis zum Facharbeiter. Reicht dafür der Platz?

Bevor wir über räumliche Kapazitäten sprechen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass hier keine homogene Bevölkerungsgruppe zu uns kommt. Die primäre Aufgabe als Gesellschaft besteht also darin, mit den immer grösser werdenden sozialen und kulturellen Unterschieden fertig zu werden. Dafür müssen wir räumliche Lösungen finden, sonst werden wir mit Blick auf das menschliche Miteinander scheitern.

Sie sprechen von Integration?

Ja und zwar konkret von sozialer Integration, die sich in räumlicher Hinsicht als notwendige Verdichtung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen, gesellschaftlicher Schichten und Einkommen manifestiert. Diese Integration erfordert aber auch das Mischen von Aktivitäten. Das heisst: Wir dürfen keine Gebiete etablieren, die reine Wohn-, Gewerbe-, Einkaufs- oder Industriegebiete sind. Verdichtung mit dem Ziel der Integration ist eine infrastrukturelle und funktionelle Durchmischung.

Im Grunde muss man nur den Dorfplatz oder das Stadtzentrum von einst als Vorbild nehmen. Diese öffentlichen Plätze, die es übrigens etwa in Italien heute noch gibt, funktionieren, weil sich dort die unterschiedlichsten Menschen aufhalten können – vom Polizisten bis zum Pfarrer, vom Verkäufer über den Wirt bis zum Bettler. In einer Gesellschaft braucht es Akzeptanz und Toleranz, ansonsten ist Integration und Verdichtung nicht möglich und es entsteht eine explosive Stimmung.

Und was können Architektur und Raumentwicklung dazu beitragen?

Nicht nur Architekten und Raumplaner, auch Generalunternehmen und vor allem die Politik sind hier gefordert. Durchmischung kann nur gelingen, wenn es ein entsprechendes Angebot gibt. Wir brauchen Wohnanlagen, in denen es zusätzlich zum Wohnraum zum Beispiel einen Bäcker, Friseur oder sonst ein Geschäft im Erdgeschoss gibt. Das Erdgeschoss muss wieder der Strasse gehören und die Strasse wieder mehr zum vom Menschen belebten Raum werden. Die Strasse ist ja nichts anderes als ein langer «Platz».

Es muss ein Umdenken stattfinden hin zur Entwicklung belebter Zwischenräume.

Drei bis vier Wohnanlagen sollten einen Aussenraum gemeinsam nutzen, um Nachbarschaft zu ermöglichen, anstatt jeweils eigene, an den Grundstücksrand gedrängte Kinderspielplätze aufzuweisen. Wir dürfen den öffentlichen Raum nicht hauptsächlich dem motorisierten Verkehr überlassen. Derzeit wird eine Strasse zur Hälfte vom fliessenden, einem Drittel vom ruhenden Verkehr und nur etwa ein Fünftel vom Fussgänger beansprucht.

Aber dafür braucht es ja Baugründe …

Nicht unbedingt, denn solche Areale können auch in bereits bebauten Gebieten sein. Man muss sie aufspüren, indem man zum Beispiel in einem Umkreis von 500 Metern oder einem Einzugsgebiet von 1000 Menschen untersucht, ob es eine, noch besser zwei Wirtschaften gibt, ob ein Bäcker, ein Lebensmittelgeschäft oder eine Apotheke vorhanden ist. Ausserdem braucht es Orte, wo Menschen unterschiedlicher kultureller Abstammung zusammenkommen können – auch um Konflikte anzugehen und zu bewältigen, damit sie nicht im kriminellen Untergrund landen. Kennt man erst einmal die Infrastruktur, kann man schauen, was fehlt.

Im Übrigen handelt es sich dabei meist nicht um den Wohnraum, wie etwa schon vor Jahren eine Untersuchung in Vorarlberg ergeben hat. Dabei kam man nämlich zu dem Ergebnis, dass es so viele leerstehende Wohnungen gibt, dass man fünf Jahre keine neuen mehr bauen müsste.

Trotzdem wird immer noch viel gebaut.

Genau. Umso wichtiger wäre es, dass hier ein Umdenken stattfindet. Initiativen wie die Vision Rheintal zeigen zwar, dass man sich der Situation bewusst ist. Getan hat sich allerdings noch nicht viel. Dabei wäre jetzt die richtige Zeit, das ganz bewusst anzupacken, denn noch haben wir auch die finanziellen Möglichkeiten. Abgesehen davon müssen wir einfach etwas ändern, weil wir uns sonst nur noch mehr voneinander entfernen.

Um Integration und Verdichtung zu ermöglichen, braucht es Lebensräume, die einerseits Wohnraum bieten, um sich zurückzuziehen, andererseits aber auch Gemeinschaftsflächen, die den Menschen aufnehmen und ihn kommunizieren lassen. Wir haben uns die letzten 100 Jahre hauptsächlich um das Errichten von Gebäuden bemüht. Es ist Zeit, sich um den Raum dazwischen zu kümmern.

*Dieses Interview ist ursprünglich in der Mai 2016 Ausgabe des Denkraum Magazins erschienen.