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Mut macht klug

Veröffentlicht am: 18.11.2015
Fortschritt braucht Innovation – beides ist nicht ohne Risiko zu haben. Wie das Denken und Handeln mutig werden kann und es dabei dennoch möglich ist, das Risiko im Blick zu behalten.

von Yvonne von Hunnius

Die Erfolgreichen sind dies oft, weil sie auch mutig waren. Aber bei weitem sind nicht alle Mutigen erfolgreich. Das ist gemein. Es könnte so einfach sein mit der Korrelation: Erfolgreiche Unternehmer – ob sie nun wie Cornelia Wolf mit Partnern den kleinen Hoi-Laden gründeten oder wie Napster-Entwickler Shawn Fanning den Plattenlabels den Kampf ansagten – haben mutig Ideen realisiert. Leider ergibt sich daraus keine Kausalität, wonach Mut immer mit Erfolg belohnt wird. Da ist er – der Unterschied zwischen Übermut und Wagemut. Eine Gratwanderung, die die Existenz ausmachen kann. Denn wie viele Versuche haben initiative Menschen, um Risiken in Kauf zu nehmen?

Claudio Minder hat die Erfahrung des Misserfolgs in neuen Erfolg übersetzen können. Heute sind sein Partner und er mit den Joya-Schuhen international bekannt. Doch diese Geschichten sind selten. «Da in vielen Bereichen Scheitern als Schande gilt», schreibt Michael von und zu Liechtenstein in einem Essay, «wird dem Scheiternden keine zweite Chance eingeräumt.» Doch wo immer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt stattfinden solle, sei auch der Mut zum Risiko zwingend notwendig.

Festhalten wird zum Risiko

Natürlich sind manche Risiken unbedingt zu vermeiden. Dabei ist die pure Risikoaversion meist nur einen Schritt weit entfernt. Auch so manches innovative Startup hält nach dem anfänglichen Erfolg fest an denselben Prozessen, die sich bewährt haben. Aber eines Tages werden Geschäftsmodelle, etwa durch die Digitalisierung zunichte gemacht, werden Exportfirmen wegen des Frankenschocks und der Eurokrise zu einem ungewohnt harten Konkurrenzkampf gezwungen. Das sind Konstellationen, die nicht nur den Unternehmen des Rheintals bestens bekannt sind. Ein Dilemma tritt auf: Während Bewegung dringend notwendig wird, erscheint jeder Schritt umso riskanter.

Zündstoff für Kreativität

In diesen Situationen braucht es diejenigen, die wissen, wie sie die besten Wege trotz unbekanntem Terrain finden. Im Prinzip beweisen viele Unternehmer der Region schon seit Jahrzehnten, wie das funktionieren kann. Mit ihren Entwicklungen behaupten sie sich auch auf internationalen Märkten. Sie wussten umzusetzen, was schon der Ökonom Joseph Schumpeter vor rund hundert Jahren als entscheidende Motive für wirtschaftliches Wachstum bezeichnete – gerade in Stagnations- Phasen: Basis-Erfindungen. Diese sind laut Schumpeter die Impulse für Anschluss-Innovationen in breitem Umfang: «Ideen sind immer Kinder der Not.» In Zeiten des wachsenden globalen Wettbewerbs ist somit heute das am wertvollsten, was der Kreativität neuen Zündstoff und einen klaren Rahmen schenkt.

Scheitern als Prinzip
Es braucht neue Prozesse, die Scheitern erlauben und damit Raum für Innovation schaffen.

Da sind Mutmacher willkommen wie die Designer-Zwillinge Thomas und Martin Poschauko. Sie motivieren dazu, in Experimenten zu erforschen, wie man kreativ auf Ideen kommt. Ihnen geht es nicht nur um rationale Analyse, sondern auch um Inspiration bei handwerklicher Arbeit – und um den Bauch als Gradmesser. Es braucht neue Prozesse, die Scheitern erlauben und damit Raum für Innovation schaffen. Beispielsweise wird durch die Design-Thinking- Denkschule Kreativität gefördert und der Fokus auf den Menschen neu justiert. Die Entwickler versetzen sich konsequent selbst in die Lage derjenigen, für die sie Lösungen suchen. Dadurch erhält auch ihr Bauchgefühl eine neue Qualität. Und das genaue Hinschauen, Ausprobieren, Scheitern und Erfahren hilft, Wage- von Übermut besser zu unterscheiden.

Wer das kleinste Risiko scheut, geht das grösste ein. Welche Entscheidung nun zum Erfolg oder Misserfolg führt, kann man nur zu einem guten Teil theoretisch lernen. In der Praxis clever angepackt, ermöglichen mutige Entscheidungen und mutige Ideen, auch Risiken besser zu erkennen und zu kontrollieren. Die Folge: An die Stelle der Reaktion auf Veränderungen tritt eine aktive Gestaltung des Wandels.

* Dieser Artikel erschien ursprünglich in der November 2015 Ausgabe des Wissensmagazins Denkraum.