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Sehen, was andere übersehen

Veröffentlicht am: 24.11.2015
Wo Menschen Fragen stellen, sich vernetzen, experimentieren und ihre Erkenntnisse verbinden – entstehen gute Ideen. Und wo Innovation ermutigt wird, erhält nachhaltiges Bauen im Dorf eine neue Richtung.

von Kornelia Pfeiffer

Ein heute weit verbreiteter Trend im Bauen versucht, unseren Häusern eine Extraportion Technik einzuverleiben, um den Energiebedarf auf das Minimum zu reduzieren. «Mit diesem Ansatz erhält das Haus die Dimension einer Maschine», sagt Urs Meister. Für den Zürcher Architekten bedeutet nachhaltiges Bauen viel mehr. Mit dem Projekt «Nachbarschaft in Eschen» entwickelte das Entwurfsstudio von Urs Meister am Institut für Architektur und Raumentwicklung der Universität Liechtenstein neue Szenarien für das Leben im Alter auf dem zentrumsnahen Grundstück der Familie Batliner in Eschen. Im Austausch mit der Gemeinde und dem Bauherrn Manfred Batliner entstanden so neue Nutzungskonzepte rund um das ehemalige Bauernhaus.

Intelligente Konstruktion

«Je länger wir ein Haus nutzen können, desto nachhaltiger ist es», erklärt der Professor, «und wir suchen eine Architektur, die wieder näher an den Menschen herankommt.» Als seine Studenten zu sehen anfingen, was andere übersehen, entdeckten sie versteckte Potenziale.

Sie ergründeten, warum es für ein Dorf wichtig ist, verantwortungsbewusst mit bereits Vorhandenem umzugehen. Und sie fügten auf der Landkarte nachhaltigen Bauens zur Effizienz – dem Minimum an Ressourceneinsatz, bei einem Maximum an Wohlstandsoutput – die Suffizienz hinzu. Also das genügsame Wirtschaften und Wohnen und den bewussten Einsatz von Mitteln. So kann jeder seinen Beitrag zur Reduktion des eigenen Fussabdrucks leisten. «Unsere Bauten müssen wieder einfacher werden», erklärt Urs Meister, «und wir müssen wieder lernen, ein Gebäude wie ein Instrument intelligent zu benutzen.»

Drei Ziele hatten die jungen Leute im Visier: ein lebendiges Dorfleben, den schlanken Einsatz von Raum und Mitteln, die Pflege kulturellen Erbes. Von der alten Tenne des Batlinerhauses mit ihrem «imposanten Dachraum» waren alle fasziniert. «Sie ist ein Beispiel für Architektur, die ihre schlichte, aber intelligente Konstruktion nicht zu verstecken braucht», bekräftigt Urs Meister. Beim Austarieren zwischen neu und alt sei wichtig, das Alte nicht als Kulisse freizustellen, sondern als Baustein einzufügen.

Wir müssen lernen, ein Gebäude intelligent zu nutzen.

Die Tenne kennzeichne die ursprüngliche bäuerliche Identität des Dorfs besonders. Das inspirierte seine Studenten zu vielversprechenden Konzepten: vom Markt für lokale Produkte bis zur kleinen Quartierbibliothek. Hochgerüstete Technik und Betondecken mit unzählbar vielen Rohren für Strom, Wasser und Luft gehörten in die Kategorie «vermeidbar».

Weniger, dichter, länger

Die Architekturstudentin Miriam Büchel aus Eschen arbeitete sich in die neue «Orientierung am angemessenen Mass» ein und ging dazu die «steinige Strasse» der Kreativität, wie sie selbst sagt. Immer mit drei Fragen im Hinterkopf: Geht weniger? Geht dichter? Geht länger?

Ihr Entwurf des neugestalteten Batlinerhauses sieht ein Ensemble aus fünf Häusern vor. Als Baumaterial wählt sie Holz und Ziegel – solide, lange haltbar und aus der Region. Hinzu kommt organischer Sumpfkalkputz für aussen und innen. Suffizienz heisst für die Studentin auch, dass  die Bewohner des Bauernhofes selbst angebautes Obst und Gemüse in einem Laden in der Tenne verkaufen. Die Balkons vor den Wohnungen benutzen die Nachbarn miteinander. Und man trifft sich am Brunnen, auf dem Spielplatz, im Treppenhaus oder im Café.

Mit ihrem Konzept «REgeneration. REaktion. REgion» betrat Miriam Büchel das Neuland nicht über gewohnte Denkautobahnen, sondern über Nebenstrassen. Die angehende Architektin suchte immer wieder neue Blickwinkel, sammelte Informationen über Wohnformen und über die alternde Gesellschaft. Sie recherchierte und verknüpfte Wissen aus Geschichte, Wirtschaft und über die Kulturlandschaft. Auf zahlreichen Skizzen fügte sie ihre Entwürfe immer wieder neu zusammen.

So entwickelte sie eine Modell-Siedlung, die für Kinder, die mittlere und die alte Generation ein Anziehungspunkt sein soll. In 37 Wohnungen – die meisten barrierefrei – könnten 90 Menschen leben. Die Wohnungen wären kleiner als sonst üblich, das schafft Raum für Gemeinschaft. In drei der fünf Häuser wäre jeweils ein Lift vorgesehen. 350 Quadratmeter könnte jedermann im Dorf mieten – ob für Yoga-Kurse oder Tanzabende.

Tausche Einfamilienhaus gegen Alterswohnung

Die Kombination aus Nachhaltigem Bauen und Wohnen im Alter greift die ursprüngliche Idee vom Bauherrn selbst auf. Ihm geht es darum, aus dem Batlinerhaus, einem klassischen Einhof, ein Gebäudeensemble für ältere Menschen im Zentrum von Eschen zu entwickeln. Modernes Wohnen im Alter wird nicht nur für die Vertreter der heutigen Generation von 60- bis 85-Jährigen immer wichtiger. Paradox nur: Obwohl die Menschen der Industrienationen immer älter werden, werden Häuser meist für junge Menschen gebaut. Gemeindevertreter und Interessierte wurden von Anfang an in das Abenteuer «Umgestaltung Batlinerhaus» einbezogen. Kritisch und konstruktiv liessen sie sich auf Zweck und Nutzen des «So viel du brauchst» ein.

Umbauten im Dorfzentrum, Nachbarschaft, geteilte Infrastruktur und Aussenräume, für Generationen – ist das der Wohnungsbau des 21. Jahrhunderts? Wohnen geschehe nun mal nicht in starren Strukturen, macht Urs Meister deutlich: «Erst bin ich Mitglied einer Wohngemeinschaft, dann vielleicht zeitweise Hausbesitzer mit Familie. Wenn der Nachwuchs dann das Nest verlässt, wird das Einfamilienhaus im Grünen zu gross.» Und vielleicht auch zu einsam. Die Generation 65plus will heute in ihrem eigenen Haushalt leben und in das soziale Netzwerk eingebunden sein. Auch dies spiegelt das Projekt «Nachbarschaft in Eschen» wider.

Weiterbauen am Gewachsenen

«Eine dichte Bebauung im Zentrum eines Dorfes ist klar suffizienter als das freistehende Einfamilienhaus im Grünen», erklärt Urs Meister. «Und das Weiterbauen am Gewachsenen ist wesentlich für die Entwicklung unserer dörflichen und städtischen Zentren.» Das Projekt «Nachbarschaft in Eschen» sollte helfen, die Inhalte für eine breite Schicht attraktiv zu machen. Interessierte konnten sich die neun Projekte der Architekturstudenten in einer kleinen Ausstellung in der ehemaligen Tenne in Eschen ansehen.

* Der Artikel erschien ursprünglich in der November 2015 Ausgabe des Wissensmagazin Denkraum.