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Wenn Unternehmergeist sich dem guten Zweck verschreibt

Veröffentlicht am: 18.05.2016
Social Entrepreneurship findet immer mehr Unterstützer und Sympathisanten in der Gesellschaft. Dabei vereint das Konzept auf unterschiedliche Weise sozial verantwortliches Handeln und Unternehmertum. Auf Spurensuche nach den Hintergründen eines verheissungsvollen Wandels.

von Prof. Sascha Kraus und Leonard Witte

Im Dorfladen Langenegg im Bregenzerwald braucht niemand Euro oder Franken – Brot und Butter gibt es auch gegen Talente, eine komplementäre Dorfwährung, die mithilfe eines Rabattsystems den örtlichen Einzelhandel in Schwung bringt. «Der neue Dorfladen sollte von Anfang an gesichert werden. Denn ohne Dorfladen leiden die Gemeinschaft und die anderen Betriebe. Wir wollten aber nicht nach dem Staat rufen und die Lösung delegieren, sondern selbst unternehmerisch anpacken», sagt Gernot Jochum-Müller. Damit bringt er den Ansatz von Sozialunternehmern auf den Punkt. Jochum-Müller ist Vorstandsmitglied der Vorarlberger Allmenda Social Business Genossenschaft. Allmenda setzt Modelle für alternative Dorf- und Regionalwährungen um, die als Vorzeigeprojekte gelten. Sie bieten Gemeinden und Regionen Komplettangebote für eigene Währungen an. Laut Erhebungen führt das System allein in Langenegg bei 1100 Einwohnern zu einer Wertschöpfung von rund 650 000 Euro jährlich.

Wir wollten nicht nach dem Staat rufen und die Lösung delegieren, sondern selbst unternehmerisch anpacken.
Unermüdlicher Einsatz für eine Idee

In den 60er-Jahren operierten nicht gewinnorientierte Organisationen und gewinnorientierte Unternehmen noch weitestgehend unabhängig voneinander. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich das geändert. Heute haben die Zweige sogar zusammengefunden. Das Ergebnis: Social Entrepreneurship. Dabei sollen gesellschaftliche Probleme – ob nun sozial oder ökologisch – durch unternehmerisches Handeln gelöst werden. Oder kurz gesagt: Mutter Theresa und der Unternehmer Richard Branson gehen eine Symbiose ein. Der Schriftsteller David Bornstein beschreibt soziale Entrepreneure als Menschen mit neuen Ideen zur Lösung wichtiger Probleme, deren Umsetzung sie unermüdlich vorantreiben – nicht bereit, Widerstände einfach hinzunehmen, bis sie ihren Ideen grösstmögliche Aufmerksamkeit verschafft haben.

Während traditionelle Unternehmer als Wachstumsgrösse die Maximierung ihres persönlichen Gewinns ins Auge fassen, treten Sozialunternehmer diesem Trend im Stillen entgegen. Kapital ist für sie ein Mittel zum Zweck, der Erfolg aber definiert sich über den Grad der sozialen Wirkung, den sogenannten Social Impact. Selbstverständlich ist auch hier der Gewinn eine notwendige Bedingung – jedoch nicht der wesentliche Unternehmenszweck – und wird wieder in die Unternehmung investiert. Auch bei Sozialunternehmen geht es also um Wachstum, jedoch weniger um quantitatives als um qualitatives Wachstum. Ihr Ziel ist positiver Wandel.

Vordenker Muhammad Yunus
Sozialunternehmertum hat starke Wurzeln in der Armutsbekämpfung. Als wichtiger Vorreiter versuchte Muhammad Yunus durch das Mikrokreditsystem, Armut zu verringern. Die von Yunus etablierte Grameen Bank bietet in Entwicklungsländern, vor allem in Bangladesch, Kleinstkredite zu äusserst geringen Zinsen. Dadurch erhält der ärmere Teil der Gesellschaft – und darunter überdurchschnittlich oft Frauen – die Möglichkeit, sich selbst ein kleines Unternehmen aufzubauen und sich dadurch aus der Armut zu befreien. 2006 wurde Muhammad Yunus für sein Engagement mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

«Unternehmertum ist sozial»

Daniela Merz ist so eine unermüdliche Kämpferin. Und das mit dem Gewinn ist für sie eine komplizierte Sache. Jawohl, das St. Galler Sozialunternehmen, dem sie als CEO bereits seit 2002 vorsteht, schreibt schwarze Zahlen. Sie sagt nur: «Wir geben Langzeiterwerbslosen Arbeit, Anerkennung und Halt. Doch wir wollen keinen Gewinn aus ihrer Situation ziehen.» Die Dock-Gruppe AG ist ein Erfolgsmodell als Sozialunternehmen, das ohne direkte Subventionen auskommt – nur die von den Sozialämtern zugewiesenen Arbeitnehmenden werden vom Saat unterstützt. Dabei wirkt die Dock-Gruppe AG wie eine verlängerte Werkbank. Insgesamt 1450 Mitarbeitende montieren Baugruppen oder verpacken Teile – Arbeit, die oft ins Ausland verlagert wird. Bevor eine Partnerschaft mit einem Unternehmen eingegangen wird, muss dieses nachweisen, dass es dadurch keine Stellen abbaut. Die Idee soll nicht missbraucht werden. Die Dock-Gruppe AG hat mittlerweile an neun Orten der Schweiz eigene Produktionsstätten. Sie könnte weiterwachsen, doch tut dies nur noch via «Franchisesystem ohne Geld», sagt Merz. Für sie ist klar: «Das Unternehmertum ist für mich per se sozial.» Und Daniela Merz hat noch viele Unternehmensideen, die die Situation von Erwerbslosen verbessern können. Die Umsetzung läuft.

Rückendeckung für skalierbare Modelle

Damit so manche Idee länger reifen darf, bevor sie Früchte tragen muss, gibt es immer mehr Organisationen, die Finanzierung und Beratungsleistungen anbieten. Die Stiftung Ashoka gilt mit mehr als 3000 sogenannten Fellows als weltweit grösster Akteur. Neben Stiftungen wie der Schwab Foundation oder der Zürcher Social Entrepreneurship Initiative and Foundation (SEIF) hat sich hier auch die LGT Venture Philantropy Foundation (LGT VP) einen Namen gemacht. 2007 von der Fürstenfamilie von Liechtenstein gegründet, werden momentan 51 Sozialunternehmen in sechs Weltregionen unterstützt – insgesamt sind über 57 Millionen Dollar investiert. «Unsere lokalen Teams arbeiten eng mit den Sozialunternehmen zusammen und stellen massgeschneiderte Unterstützung sicher. Bei der Finanzierung heisst das Eigenkapital, Darlehen oder Spenden – je nach Geschäftsmodell», sagt die Kommunikationsverantwortliche Natija Dolić. Die Entscheidung, wohin das Geld geht, machen sich die Experten nicht leicht – skalierbar, effizient und besonders wirksam muss das Modell sein. Eine Analyse kann bis zu einem halben Jahr dauern; insgesamt wurden bereits rund 5000 Unternehmenskonzepte geprüft. Diese Menge nimmt nicht wunder, denn in der Tat steigt die Anzahl der Sozialunternehmer. Gemäss einer Studie der John Hopkins‐Universität in Baltimore, USA, wuchs die Gesamtbeschäftigung seit den 1990er-Jahren um vier Prozent, während die Beschäftigung im sozialen Sektor um 25 Prozent anstieg. Diese positive Tendenz setzt sich fort.

Die Zeit ist reif

Aber was bringt das Sozialunternehmertum gerade heute zum Blühen? Das mag daran liegen, dass Hürden gefallen sind, die über lange Zeit soziale Reformen verhindert haben. An die Stelle totalitärer Systeme sind vielerorts demokratische Regierungen getreten. Es wurde erkannt, dass Sozialunternehmen die Demokratie stärken und Probleme in Angriff nehmen, die der Staat nicht ausreichend bearbeitet. Zudem wächst eine neue Generation heran, die Beruf und gesellschaftliche Verantwortung wieder eng miteinander verbunden sieht. Und nicht zuletzt herrscht heute mehr Transparenz denn je über soziale und ökologische Problemstellungen. Der französische Schriftsteller Victor Hugo sagte schon: «Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.» Für Sozialunternehmertum ist sie gekommen.

Űber die Autoren
Leonard Witte, B.Sc. hat im Rahmen eines ausbildungsstufenübergreifenden wie auch internationalen Forschungsprojekts im Verbund mit den Universitäten Lüneburg und Lappeenranta, Finnland unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Sascha Kraus an der Universität Liechtenstein seine Abschlussarbeit zum Thema Social Entrepreneurship verfasst.

*Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Mai 2016 Ausgabe des Wissensmagazins Denkraum.