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«Werte sind immer Bewertungen»

published 08.03.2018
Der Referent des 3. Campus Gesprächs an der Universität Liechtenstein, Konrad Paul Liessmann, ist Essayist, Kulturpublizist und Professor für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“ an der Universität Wien. Seit 2016 ist Liessmann regelmässiger Gast der Sendereihe «Sternstunde Philosophie» des Schweizer Fernsehens.

Liessmann stellte gleich zu Beginn seines Vortrags zum Thema «Werte im Spannungsfeld von Wirtschaft und Ethik» fest, dass der Begriff des Wertes ursprünglich nur der Ökonomie zuzurechnen war: «Eine Sache oder Dienstleistung ist mir so und so viel wert.» Und diese kaufmännische Befrachtung des Wortes Wert spiegle sich auch bei seiner Verwendung im moralischen oder ethischen Zusammenhang wider. Denn Werte symbolisieren subjektive Präferenzen und variieren zwischen Kulturen, Gesellschaften, Milieus oder Generationen.

 

Werte sind dynamisch

«Ein Wert haftet nicht am Gegenstand», erklärte Liessmann, sondern sei abhängig von Angebot und Nachfrage. Und dies gelte für materielle Werte genauso wie für immaterielle, denn Werte seien adaptiv, unterstehen den eigenen Erwartungen und sind nicht kategorisch wie etwa Gebote oder Prinzipien. Als Beispiel nannte er den Wert der Arbeit: Bis zur Industrialisierung habe Arbeit keinen Wert besessen, sie war ein notwendiges Übel, dem man so wenig Zeit wie möglich widmete. Erst mit der protestantischen Leistungsethik, die ein strebsames Leben als gottesfürchtig erkannte, wandelte sich der Wert der Arbeit. Nun galt sie als sinnstiftend und auch wenn der religiöse Gedanke zunehmend in den Hintergrund tritt, ist Arbeit noch immer von höchstem Stellenwert. So frage man heute selbst einen Schriftsteller «Woran arbeiten Sie?» und der Verlust des Arbeitsplatzes führt nicht nur zu einer materiellen Schlechterstellung, sondern vor allem zu einer geringeren Wertschätzung innerhalb der Gesellschaft. Im Hinblick auf die zu erwartende Automatisierung äusserte Liessmann die Hoffnung, dass Menschen künftig weniger nach ihrer Leistung in der Arbeitswelt «bewertet» werden und statt vom Wert wieder von der Würde des Menschen die Rede sei, denn im Unterschied zum flexiblen Wert sei Würde absolut.

 

Gewissenshedonismus

Er strich auch heraus, dass «Werte immer wieder neu ausgehandelt werden müssen und immer nur für eine gewisse Zeit Gültigkeit haben.» Beim Bekenntnis zu Werten wie Demokratie oder fairem Umgang gehe es immer nur um die Demonstration nach aussen, um die Befriedigung des eigenen moralischen Bedürfnisse, des guten Gewissens. Denn durch das Bekenntnis alleine gehe es keinem Kaffeebauern besser und selbst Wahlergebnisse würden infrage gestellt, wenn sie nicht den erwünschten Ausgang nehmen. Der Kauf der «richtigen» Dinge wie Fair-Trade-Kaffee oder eines Elektrofahrzeugs enthebe einen der Fragen der Moral, Liessmann nannte dies «Gewissenshedonismus». Das zum Lifestyle erhobene Konsumverhalten führe zu einer neuen Form der Wertegemeinschaft, der man je nach finanzieller Leistungsfähigkeit angehöre oder eben nicht.

 

Der Abend fand wie immer bei Campus Gesprächen seinen Abschluss bei einer Diskussionsrunde mit dem Publikum und weiterem Gedankenaustausch beim Apéro.