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Denkanstoss

Wahre Werte

Wer kann heute noch Wertvolles von Wertlosem unterscheiden? Ein Plädoyer von Hugo Dworzak.

„Material und Arbeit haben das Recht nicht alle Jahre durch neue Modeströmungen entwertet zu werden.“ Dieser Ausspruch stammt von Adolf Loos, österreichischer Architekt, gleichsam kritischer Beobachter und Kommentator zeitgenössischer Ereignisse – vor 100 Jahren. Er entwarf das Haus am Michaeler Platz in Wien und bezichtigte in einem legendären Artikel jegliches Ornament des Verbrechens. Seine Schriften haben an Aktualität nichts verloren – ganz im Gegenteil.

Die Küche meiner Mutter ist 40 Jahre alt. Vor kurzem wurde der Kühlschrank ausgetauscht, auf Beschluss ihres Architektensohnes. Sie selbst war der Meinung, dass es noch nicht nötig gewesen wäre. Der erhebliche Rest der Küche ist original und inzwischen zum wiederholten Male „modern“. Gründe für die Haltbarkeit sind mehrfach: Verwendung guter Materialien, deren sorgfältige Verarbeitung und ebensolche Pflege – mit anderen Worten: Wertschätzung auf allen Ebenen.

Kulturverlust auf allen Ebenen

Soeben habe  ich den Einbau einer Küche erlebt, in einem Haus, das zwanzig Jahre alt ist und die dritte Küche erhält. Erklärungen dafür sind vielfach: die Vorgängerküchen entsprachen dem jeweiligen Zeitgeist mehr als funktionellen Ansprüchen, industrielle Vorfertigung ersetzte handwerkliche Qualität und unsorgfältige Herstellung fand ihre Entsprechung in ebensolcher Nutzung – mit anderen Worten: Kulturverlust auf allen Ebenen.

Noch ein Vergleich: Ein Schuster fertigt einen Schuh, dasselbe Modell seit Ablegen seiner Meisterprüfung, aus Kalbleder, zweifach rahmengenäht, final poliert, wobei die Schuhpasta mittels eines glatten Knochens einmassiert wird. Bei guter Pflege hinterlässt die Zeit zwar Spuren, die dem Schuh jedoch Charakter, Unverwechselbarkeit und Würde verleihen. Nebenbei und selbstverständlich wird er Teil des Körpers seines Trägers. Ein anderer Schuh – von der Stange, hochmodisch, attraktiv und vielversprechend – einfach geklebt und mehrfach ungeputzt. Kurz bevor er sich dem Fuß anzupassen beginnt verliert er seine Form und gleichzeitig Haltung – ausgetreten nach einer Saison, um dem nächsten, neuesten Modell im Schuhregal widerstandslos Platz zu machen.

Wertschöpfung an Schulen
Wer kann heute noch Wertvolles von Wertlosem unterscheiden?

Wer kann heute noch Wertvolles von Wertlosem unterscheiden, in einer Zeit in der Kurzlebigkeit Strategie und programmiertes Ableben Bestandteil unseres Produktalltags sind? Wie können wir überhaupt Werte schaffen, wenn wir nicht imstande sind Werte zu erkennen? Indem wir dort ansetzen wo Wertvorstellungen entwickelt werden – im Kindesalter. Nachdem jedoch Eltern zunehmend damit beschäftigt sind ihren Kindern Nachhilfe in allen möglichen Unterrichtsfächern zu erteilen und damit Aufgaben der Schule übernehmen, plädiere ich für die Einführung eines wertschöpfenden Alternativangebots an Schulen, nämlich ein Unterrichtsfach mit Titel und Inhalt: „Wahre Werte“.

Vorzüglich und beinahe ausschließlich als Lehrpersonen dafür geeignet sind Menschen mit Lebenserfahrung, kultureller Offenheit, Verständnis für Zusammenhänge, positiver Lebenseinstellung, ständiger Neugier, offenen Ohren und Augen. Jemand der weiss, was wert ist bewahrt zu werden oder wertvoll genug um Bestehendes zu ersetzen. Letztlich ist es Aufgabe der gesamten Gesellschaft Werte zu schätzen, zu schöpfen und – zu vermitteln.

Wahrscheinlich deswegen gibt es das Fach „Wahre Werte“ an keiner Schule – weil es nicht unterrichtet werden kann, sondern vorgelebt werden muss.



In der Rubrik Denkanstoss äussern Autoren ihre persönliche Meinung. Diese spiegelt nicht zwingend die Auffassung der Redaktion oder der Universität Liechtenstein wider.  

* Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Mai 2015 Ausgabe des Wissensmagazins Denkraum.