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Innovation ist Handwerk

Pragmatismus hilft, im Alltag effizient Probleme zu lösen. Doch häufig werden dabei Chancen für Innovationen übersehen. Die Design-Thinking-Denkschule schafft Raum für Neues. An der Universität Liechtenstein wird sie gelehrt und in Praxisprojekten angewandt.

Von Yvonne von Hunnius

Hatten Sie schon einmal die Gelegenheit, frei von Budgetvorgaben Produktideen freien Lauf zu lassen und diese umzusetzen? Dann waren Sie bereits Teil eines Design-Thinking-Workshops. Hier werden die Regeln aus den Angeln gehoben, die im Unternehmensalltag zwar für reibungslose Abläufe sorgen, aber Kreativität und Innovation behindern. Dabei können Vertriebsprozesse, Nockenwellen oder neue Schokoladensorten im Visier sein. Und ein Ergebnis ist garantiert. Bernd Schenk, stellvertretender Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik, sagt: „Am Anfang steht ein Problem oder auch eine Chance wie eine neue Technologie, die man bestmöglich nutzen will.“ Viele Unternehmen wie die Deutsche Bank oder SAP nutzen den Ansatz, denn Innovationskraft wird immer entscheidender.

Dabei entspricht Design Thinking einer Denkschule, einem „mensch-zentrierten Ansatz der Produktentwicklung“, sagt Christian Marxt, der Leiter des Instituts für Entrepreneurship. In diesem Innovationsprozess werden Scheuklappen abgelegt, die Erfahrungen aller Beteiligten aktiviert und mit einem klaren Fokus auf den Menschen neue Lösungen gefunden. Grundvoraussetzung ist, dass die Ingenieure sich auf das zugrunde liegende Problem des Nutzers einlassen. Christian Marxt sagt: „So gehen Entwickler beispielsweise in ein Alters- und Pflegeheim, um zu verstehen, mit welchen Problemen sich ältere Menschen konfrontiert sehen, um dann Lösungen im Bereich altersgerechter Assistenzsysteme zu finden.“

Raus aus dem Berufsalltag

In diesen Prozess führen Experten der Universität Liechtenstein schon seit geraumer Zeit Unternehmen und Studierende ein. Neben theoretischen Grundlagen und Feldforschung ist die Workshop-Praxis ein zentrales Element. Dafür braucht es einen Raum mit freien Wänden, Post-its, Stifte, möglicherweise Knete oder technische Hilfsmittel, aber auf alle Fälle eine Gruppe von Menschen mit möglichst unterschiedlichen Kompetenzen.

Neue Technologien bieten vielfältige Möglichkeiten – mithilfe von Design Thinking können Chancen ausgelotet und ergriffen werden.

Der Prozess findet nach festen Regeln statt. Nummer eins: Jeder Gedanke zählt und kann der Nukleus für eine Innovation sein. Zunächst muss das Team eine Fragestellung finden, die das vorgelegte Problem als Projekt definiert – beispielsweise: Wie kann der Vertriebsmitarbeiter kundenorientierter arbeiten?

Das Problem wird dann von allen Seiten durchleuchtet, bevor Ideen gesponnen werden. Kristallisiert sich heraus, welche Ideen die Gruppe überzeugen, geht es an die Realisierung. Zunächst aus Papier oder Knete werden Prototypen oder Visualisierungen geschaffen. So kann etwa auch eine Smartphone-App getestet werden. Die Idee wird schliesslich verfeinert, oder auch komplett verworfen. Dann geht es mit einer anderen Idee weiter oder von vorne los.

Das ist laut Christian Marxt ein zentraler Unterscheidungspunkt zum regulären Vorgehen: Hier wird ein sich wiederholender Problemlösungsprozess gestaltet, er passt sich an das verändernde Umfeld an und verläuft nicht linear.

Innovation braucht Macher

In diesem innovativen Kreislauf werden die Teilnehmenden schnell zu Machern. Lange Gestaltungswege lassen Mitarbeitende sonst oft davor zurückschrecken, etwas Neues anzustossen. Zorica Zagorac-Uremovic ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Technologie und Entrepreneurship und hat gerade im Rahmen der International Summerschool an der Interstaatlichen Hochschule Buchs (NTB) ein dreitägiges Seminar zu Design Thinking geleitet.

Sie sagt: „Es geht um das kreative Bewusstsein und Selbstbewusstsein – den Mut, alte Denkmuster zu überwinden, Dinge neu zu erfinden.“ Damit verbunden ist die Überzeugung, dass jeder Mensch kreativ sein kann. Das ist auch das Kredo der Begründer des Design Thinking. Als Wiege der Denkschule dieses mensch-zentrierten Designs gilt das von Larry Leifer gegründete Center for Design Research (CDR) an der Universität Stanford.

Es geht um das kreative Bewusstsein und Selbstbewusstsein – den Mut, alte Denkmuster zu überwinden, Dinge neu zu erfinden.
Design Thinking hat in Vaduz Tradition

Es existiert eine direkte Verbindung zwischen Stanford und Vaduz. Christian Marxt hat als Assistenzprofessor ein Jahr am CDR verbracht und auch Zorica Zagorac-Uremovic hat in Stanford das Konzept verinnerlicht. Im letzten Jahr kam sogar Larry Leifer selbst für einen Design-Thinking-Workshop mit Führungskräften an die Universität. Derzeit arbeitet man hier an weiteren Workshopserien für Unternehmen und baut individuelle Angebote aus. Auch den Teilnehmenden des Businessplan-Wettbewerbs wird der Ansatz näher gebracht.

Bereits seit zehn Jahren wird das Konzept beispielsweise im Bachelor- und Master-Studium Entrepreneurship verwendet. „Auf diese Weise haben Studierende schon hunderte von Produktideen entwickelt: selbst-wärme-regulierende Autos oder kleine Windkraftwerke für den Privatzweck“, so Zagorac-Uremovic. Entscheidend ist dabei immer, dass die Teammitglieder möglichst unterschiedliche Kompetenzen mitbringen. An der Universität wird gerade ein fakultätsübergreifendes Wahlmodul entwickelt, bei dem Design Thinking das Bindeglied ist zwischen Studierenden der Bereiche Technologie und Entrepreneurship sowie Architektur.

Das Abwegige zulassen

Die Universität ist laut Bernd Schenk als Labor der perfekte Design-Thinking-Ort. Nicht nur aktuellen Führungskräften fällt es dabei nicht immer leicht, sich auf abwegige Ideen einzulassen. „Auch für Studierende ist das ein Lernprozess. Sie lernen früh, Probleme durch lineares Denken zu lösen und müssen ermuntert werden, davon abzuweichen.“ Viel zu schnell fixiere man sich auf eine naheliegende Lösung, die vielleicht gut umsetzbar sei, aber nicht die beste. Er nennt es „den Lösungsraum erweitern“, wenn pragmatische Ideen mit unrealistisch wirkenden in eine Reihe gestellt werden. Erst beim Prototyp und den Tests zeigt sich die Überlegenheit. „Denken Sie an disruptive Innovationen, die in einer Nische entstehen und die Spielregeln eines Marktes auf den Kopf stellen“, sagt Schenk. 1998 war das dem 18-jährigen Studenten Shawn Fanning gelungen. Seine Software ermöglichte den direkten Datenaustausch zwischen internetfähigen Computern, brachte mit Napster die Musikbranche in Bedrängnis und prägte die digitale Welt durch das Peer-to-Peer-Konzept. In Folge wurden legale Download-Plattformen wie iTunes zum wichtigsten Vertriebskanal für die Musikindustrie. Das änderte das Vertriebsmodell fundamental.

Design Thinking ist eine Ausprägung eines mensch-zentrierten Ansatzes der Produktentwicklung. Warum mensch-zentriert? Der Nutzer wird extrem früh nicht nur in die Bedarfsanalyse, sondern tatsächlich in den Design-Prozess integriert.
Breites Denken macht kreativ

Design Thinking kann solche Erfolge nicht versprechen. Doch indem die Denkschule die Perspektive auf den Menschen ausrichtet, setzt sie Potenziale frei. Zorica Zagorac-Uremovic sagt: „Unserer Erfahrung nach setzen noch immer viele, gerade grosse Unternehmen auf strukturierte und systematisierte Innovations- und Produktentwicklungsprozesse, die von bestehenden Produkten oder Produktgenerationen ausgehen.“ Diese seien oft effizient, kostenoptimiert und könnten gut kontrolliert werden. Andererseits liessen sie wenig Raum für Kreativität, da rigide Strukturen und Managementvorgaben einschränkend oder gar kontraproduktiv wirkten. „Sie verleiten Menschen dazu, tief anstatt breit zu denken“, so Zorica Zagorac-Uremovic. Durch Design Thinking wird kreatives Denken nicht mehr vom logischen überschattet.

Kreativität, Querdenken und Teamgeist

Gerade die breite Perspektive ist es oft, die KMU einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschafft. Deshalb sieht Wirtschaftsinformatiker Bernd Schenk speziell für KMU im Alpenrheintal grosse Chancen durch Design Thinking: „Der Ansatz belebt nicht nur Kreativität, Querdenken und Teamgeist – er hilft, das bestehende Wissen zu aktivieren. Mitarbeitende eines KMU überblicken prinzipiell mehr Bereiche als solche eines Konzerns.“ Und wenn die Ergebnisse am eigenen Geschäftsmodell kratzen? „Das ist gut möglich und tut vielleicht zunächst weh. Doch gerade wendige KMU können mithilfe von Design Thinking schnell neue Chancen ausloten und dann ergreifen“, sagt Schenk.

* Dieser Artikel erschien ursprünglich in der November 2015 Ausgabe des Wissensmagazins Denkraum.