Sie sind hier: Startseite / Neuigkeiten / Im Interview: Thomas Vellacott, CEO WWF Schweiz

Im Interview: Thomas Vellacott, CEO WWF Schweiz

Keynote-Referent: Thomas Vellacott, CEO WWF Schweiz Dynamik des Umbruchs: Trends und Perspektiven
Link zur Keynote Speech: Thomas Vellacott, Keynote Green Summit 2017
Im Interview mit Heike Esser (Stabstelle Kommunikation)

Herr Vellacott, Sie sprechen zum Thema „Brennpunkt Nachhaltigkeit und Gesellschaft“. Wenn man eine Gesellschaft als Summe ihrer Individuen ansieht, lässt sich die Nachhaltigkeit der Gesellschaft am nachhaltigen Verhalten jedes Einzelnen messen. Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit und wie versuchen Sie selbst möglichst nachhaltig zu agieren?

Vellacott: Man kann eine Gesellschaft als Summe ihrer Individuen betrachten, doch agieren diese nicht in Isolation voneinander. Mein Verhalten ist einerseits Ausdruck persönlicher Entscheide, andererseits wird es aber auch geprägt von meiner Umgebung: von Familie, Freunden, Schule und Beruf, aber auch von der Werbung, dem Produkteangebot in den Läden, in denen ich einkaufe und nicht zuletzt von den staatlichen Rahmenbedingungen im Land, in dem ich lebe. Wenn wir unser Verhalten nachhaltiger gestalten wollen, dann sollten wir möglichst viele dieser Hebel bewegen, von der Umweltbildung über ein nachhaltiges Produkteangebot am Markt bis hin zu Gesetzen, die nachhaltiges Verhalten möglich und lohnenswert machen. 

Nachhaltigkeit bedeutet für mich, nicht auf Kosten anderer zu leben. Die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels beispielsweise werden in erster Linie nicht deren wohlhabende Verursacher zu tragen haben, sondern die Ärmsten, die sich am wenigsten gegen Naturkatastrophen absichern können.

Ich versuche persönlich möglichst nachhaltig zu agieren, indem ich mein persönliches Verhalten entsprechend ausgestalte. Dabei geht es nicht darum, in allen Lebensbereichen ökologisch ‚perfekt’ leben zu wollen, sondern dort etwas zu verändern, wo es grosse Auswirkungen auf den eigenen ökologischen Fussabdruck hat (Den eigenen ökologischen Fussabdruck kann man unter wwf.ch/footprint berechnen). Ich ernähre mich vegetarisch und bewege mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad fort. Meine Altersvorsorge habe ich nachhaltig angelegt und unser Haus heizen wir mit einheimischem Holz. Und dann gibt es Bereiche, in denen ich mich noch deutlich verbessern kann, z.B. steige ich immer noch zu oft ins Flugzeug. Neben dem persönlichen Konsumverhalten haben wir aber alle auch die Möglichkeit, auf die Angebote von Firmen Einfluss zu nehmen, die Politik mitzugestalten oder in Projekten gemeinsam mit anderen eine nachhaltige Zukunft zu bauen.

 

Europa und die westliche Welt verbrauchen zurzeit rund das Dreifache der Biokapazität, die die Erde pro Jahr zur Verfügung stellt. Komforteinbussen werden nur ungern akzeptiert, was müsste Ihrer Meinung nach geändert werden, um wieder ein 1:1-Verhältnis zu erreichen?

Vellacott: Die Vorstellung, dass Nachhaltigkeit nur mit Verzicht zu erreichen ist, ist weitverbreitet, greift aber zu kurz. Ein Beispiel: In der Schweiz hat der Bestand an Elektrogeräten in den letzten dreizehn Jahren um über 46% zugenommen, trotzdem reduzierte sich deren Stromverbrauch im gleichen Zeitraum um 455 GWh pro Jahr (- 6%). Innovationen können zu enormen Effizienzgewinnen führen. Dazu müssen aber die Rahmenbedingungen richtig gestaltet werden.

Die wichtigste Massnahme, damit der Verbrauch natürlicher Ressourcen auf ein nachhaltiges Niveau reduziert wird, ist, dass Verursacher für die Verschmutzung, für die sie verantwortlich sind, zur Kasse gebeten werden müssen. Heute ist das Gegenteil der Fall: Nicht-nachhaltiges Wirtschaften wird von Staaten gar mit exorbitanten Beträgen subventioniert. Ein gutes Beispiel hierfür sind die fossilen Energien. Deren Produktion und Konsum werden gemäss einer vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichten Studie mit über USD 5 Billionen pro Jahr subventioniert – mehr als alle Staaten der Welt für das Gesundheitswesen ausgeben. Solche Subventionen verzerren nicht nur den Markt, sondern verzögern auch den Übergang zu nachhaltigen Wirtschaftsformen.

 

Mobilität verbraucht grosse Mengen Energie – derzeit werden Elektroautos als mögliche Alternative zu Benzin- und Dieselfahrzeugen propagiert. Doch auch Strom muss produziert werden und selbst alternative Energieerzeuger wie Windkraftwerke haben negative Auswirkungen für die sie umgebende Tierwelt. Welche Art der Energiegewinnung ist aus der Sicht des WWF die nachhaltigste?

Vellacott: Jede Form der Energieproduktion hat negative Auswirkungen auf die Natur, allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmass. An erster Stelle sollte daher immer die Erhöhung der Energieeffizienz stehen, denn weniger Energie zu verschwenden macht ökologisch und ökonomisch Sinn. Da liegen noch grosse Potenziale brach.

An zweiter Stelle geht es darum, die erforderliche Energie möglichst nachhaltig zu produzieren. Seit einigen Jahren zeichnet sich ein rascher Umstieg auf erneuerbare Energien ab. Das ist ökologisch sinnvoll, denn mit guter Planung lassen sich die meisten negativen Auswirkungen, beispielsweise der Windkraft auf Vögel und Fledermäuse, vermeiden. Ökonomisch werden die erneuerbaren Energien immer attraktiver. Die Preise für Photovoltaik sind seit 2009 um über 80% gesunken. Im Gegensatz dazu kämpfen neue Atomkraftwerke mit horrenden Kostenüberschreitungen, während die Preise für fossile Energien je nach politischer Grosswetterlage stark schwanken. Daher erstaunt es nicht, dass weltweit eine Wende hin zu Energieeffizienz und erneuerbaren Energien stattfindet. In China beispielsweise geht der Kohlekonsum seit drei Jahren zurück, während er vor 10 Jahren noch zweistellige Wachstumsraten aufwies. Im Gegenzug ist China heute der grösste Investor in erneuerbare Energien. Mit dieser weltweiten Energiewende reduzieren wir die negativen Auswirkungen der Energieproduktion auf die Natur, auf unsere Versorgungssicherheit und Gesundheit.

 

Lebenslauf

Thomas Vellacott ist seit 2012 CEO des WWF Schweiz. Er studierte in Durham (GB) und Kairo Arabisch und Islamwissenschaften, in Cambridge (GB) internationale Beziehungen und am IMD in Lausanne Betriebswirtschaft.

Zwischen 1994 und 1998 war er in London, Genf und Zürich im Private Banking der Citibank tätig und von 1998 bis 2001 Berater und Projektleiter bei McKinsey & Co. in Zürich. Seit 2001 ist er beim WWF Schweiz, zuerst als Leiter Corporate Relations, ab 2003 als Leiter Programm und Mitglied der Geschäftsleitung, verantwortlich für Konzeption und Umsetzung der nationalen und internationalen Umweltschutzarbeit des WWF Schweiz, bis er 2007 stellvertretender Geschäftsführer wurde.

 Weitere Informationen: https://www.wwf.ch/de/