Mein Auslandssemester an der BAS
Mein Auslandssemester an der BAS
Alles rund um die tolle Dynamik in Bergen
Da sich mein Semester an der Bergen Architecture School (BAS) dem Ende nähert, wird mir bewusst, wie sehr sich meine Wahrnehmung des «Unbekannten» verändert hat. Was zunächst fremd und ungewohnt und manchmal sogar beunruhigend erschien, ist mit der Zeit zu einem vertrauten und natürlichen Teil meines Alltags geworden.
Diese Entwicklung zeigt sich besonders deutlich in der Institution BAS selbst, in ihren Lehrmethoden sowie in den Menschen und sozialen Strukturen innerhalb der Schule. Von Anfang an war klar, dass die BAS anders funktioniert als die Universitäten, mit denen ich vertraut bin. Anstatt traditioneller Einführungsveranstaltungen wurden wir sofort in gemeinschaftliche und kreative Arbeitsmethoden eingebunden. Jede Person wurde gebeten, einen Gegenstand mitzubringen – nicht irgendeinen Gegenstand, sondern einen, der die eigene Haltung oder eine Frage, die man sich gestellt hatte, repräsentierte und den man der Gruppe übergeben würde. Diese Aufgabe fühlte sich zunächst ungewohnt an und liess viel Raum für Interpretation. Doch genau das eröffnete den Zugang zu einer neuen Denkweise: weniger starr, offener und stärker auf den Prozess ausgerichtet.
Auch die erste Vorstellungsrunde verlief anders als erwartet. Eigentlich sollten wir nur unsere Namen nennen, doch bereits bei der zweiten Person begannen die Leute, auch ihr Herkunftsland zu erwähnen. Dadurch entstand spontan eine offenere und persönlichere Dynamik, die den Grundstein für ein starkes Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe legte. Aus den zunächst unbekannten Gesichtern wurden nach und nach Menschen, mit denen ich jeden Tag zusammenarbeitete. Ein wichtiger Faktor dafür war die intensive Zeit, die wir gemeinsam an der Universität verbrachten. Wir trafen uns täglich, arbeiteten in Gruppen, diskutierten Projekte und entwickelten gemeinsam Ideen. Besonders prägend waren unsere regelmässigen Lesesitzungen am Donnerstagmorgen um 10 Uhr in der Bibliothek. Diese Treffen waren nicht nur akademisch bereichernd, sondern stärkten auch den sozialen Zusammenhalt und wurden oft von Kaffee und informellen Gesprächen begleitet.
Auch ausserhalb des universitären Alltags entstanden neue Verbindungen. Beim Mittagessen mit einer Mitstudentin lernte ich weitere Studierende kennen. Dadurch entdeckte ich nicht nur neue Menschen, sondern auch neue kulturelle Praktiken, wie beispielsweise das traditionelle norwegische Gericht «fiskekaker». Ich nahm auch an sozialen Ritualen wie dem «Taco Friday» teil, einer etablierten Tradition in Norwegen. Kochabende in der Universitätsküche, bei denen wir Mahlzeiten für den gesamten Jahrgang zubereiteten, stärkten unser Gemeinschaftsgefühl zusätzlich.
Ein prägendes Merkmal der BAS ist ihr Umgang mit Raum und Materialien. Die Universität versteht sich nicht nur als Ort des Lernens, sondern als anpassungsfähiger Raum, der von den Studierenden aktiv mitgestaltet wird. Standardisierte Tische gibt es nicht; stattdessen bestehen die Arbeitsflächen aus alten Holzbrettern oder Türen, die mit einfachen Böcken kombiniert werden. Materialien werden wiederverwendet, und die gesamte Schule funktioniert im Grunde als Materiallager. Studierende haben sogar grössere Projekte umgesetzt, beispielsweise den Bau eines Pizzaofens aus recycelten Fassadenziegeln. Diese offene und experimentelle Herangehensweise an Ressourcen war für mich zunächst ungewohnt, wurde aber bald zu einer inspirierenden Selbstverständlichkeit.
Natürlich gab es auch kleinere Herausforderungen, wie beispielsweise einen Lift, der nicht immer zuverlässig funktionierte. Doch auch diese Details wurden Teil meines Alltags und trugen dazu bei, dass mir meine Umgebung zunehmend vertraut wurde.
Diese Erfahrungen hatten einen grossen Einfluss auf mein interkulturelles Lernen. Ich habe gelernt, neue Situationen anzunehmen und mit Unsicherheit umzugehen. Dabei entwickelte ich Vertrauen in Prozesse, die von Anfang an nicht klar strukturiert sind. Gleichzeitig hat sich meine Selbstwahrnehmung verändert: Ich habe erkannt, dass ich mich in einer neuen Umgebung zurechtfinden, neue soziale Netzwerke aufbauen und ein aktiver Teil einer Gemeinschaft werden kann.
Rückblickend wird deutlich, dass das «Unbekannte» nicht plötzlich verschwindet, sondern sich allmählich verändert. Mit jedem Tag wurde mir meine Umgebung vertrauter – die Menschen, die Arbeitsmethoden und die Kultur. Dieser fortlaufende Prozess des Kennenlernens, Reflektierens und Anpassens hat mein Verständnis von Architektur und Zusammenarbeit erweitert und auch meine persönliche Entwicklung nachhaltig geprägt.