Kanada - Sherbrooke
Kanada - Sherbrooke
Der American Teenager Dream
Kennt ihr diese typischen amerikanischen Filme und Serien über das Leben an der Highschool oder Universität? Seit über einem Monat habe ich das Gefühl, selbst in einem solchen Film zu leben. Es ist wie der American Teenager Dream, nur eben in Kanada.
Als ich allein aus dem Flugzeug in Montreal stieg und nach meinem Shuttle suchte, war ich sehr nervös. Es war das erste Mal, dass ich allein und so weit weg von zu Hause reiste. Während alle im Shuttle Französisch sprachen, konnte ich meinen Blick kaum vom Fenster abwenden, weil ich kaum glauben konnte, dass mein Auslandssemester tatsächlich begonnen hatte. Als ich an der Universität ankam, begrüssten mich die studentischen Botschafter herzlich und brachten mich zu meinem Zimmer auf dem Campus. Ich bekam ein Zimmer im ältesten Wohnheim, mit alten Holzmöbeln und Schubladen, die sich nur schwer öffnen liessen, sowie einem Zimmernachbarn oder einer Zimmernachbarin und einem kleinen, gemeinschaftlich genutzten Unisex-Badezimmer. Ich war etwas enttäuscht, weil ich mir ein Einzelzimmer mit mehr Privatsphäre gewünscht hatte, aber meine Stimmung liess ich mir dadurch nicht verderben.
Am nächsten Morgen ging ich in unsere Cafeteria namens «Dewies», denn alle, die auf dem Campus wohnen, müssen dort essen. Es gibt verschiedene Essensstände und eine grosse Auswahl, aber nach einer Weile hat man das Gefühl, ständig fast dasselbe zu essen.
Bereits an meinem ersten Tag meldeten sich die studentischen Botschafter bei mir, und ich lernte andere Austauschstudierende aus verschiedenen Ländern kennen. Einige von ihnen gehören noch heute zu meinem Freundeskreis. Ich erkundete den Campus zu Fuss, und alles kam mir riesig vor, obwohl die Universität für die Verhältnisse hier eher klein ist. Es gibt sieben verschiedene Wohnheime, eine Cafeteria, einen grossen Sportkomplex mit Schwimmbad, Fitnessstudio und Eishalle, einen Fast-Food-Laden und vieles mehr. Ausserdem gibt es eine grosse Bibliothek, Unterrichtsräume, einen Supermarkt und einen Club. Bereits am ersten Tag ging ich mit acht anderen Austauschstudierenden ins Schwimmbad und merkte, wie offen und freundlich alle waren. Meine grösste Angst war gewesen, keine Freunde zu finden oder nicht die richtigen Menschen kennenzulernen. Doch es gab ungefähr 180 internationale Studierende, und wir alle suchten nach Freundschaften, weil wir weit weg von zu Hause waren.
In dieser kurzen Zeit bin ich auch viel mehr aus mir herausgekommen. Am Anfang war ich sehr schüchtern, und es fiel mir schwer, mit neuen Menschen zu sprechen oder auf sie zuzugehen – besonders wegen der Sprachbarriere. Trotzdem habe ich in so kurzer Zeit bereits grosse Fortschritte gemacht.
Während der ersten drei Tage fanden Einführungstage für internationale Studierende statt. Dabei hielten zahlreiche Mitarbeitende der Universität Ansprachen und organisierten verschiedene Aktivitäten, beispielsweise eine Schnitzeljagd und Kennenlernspiele. Von Tag zu Tag lernte ich mehr Menschen kennen, und in den ersten Wochen sprach ich jeden Tag mit mehreren neuen Personen. Alle waren unglaublich freundlich, egal ob Studierende, Professorinnen und Professoren oder andere Mitarbeitende der Universität.
Nach meinen ersten fünf Tagen auf dem Campus lernte ich die anderen kanadischen Studierenden kennen, und noch am selben Tag begann die O-Week. Es war eine unglaubliche Erfahrung. Wir mussten uns für ein Team mit Teamleitenden entscheiden, die von Studierenden aus höheren Semestern ausgewählt worden waren. Jedes Team hatte einen eigenen Namen und einen eigenen Song. Wir bekamen T-Shirts und kleine Geschenke, und den ganzen Tag über fanden zahlreiche Aktivitäten und Herausforderungen statt. Während dieser Woche war ich nur in meinem Zimmer, um mich umzuziehen und kurz zu schlafen. Wir taten alles, um Münzen für unser Team zu sammeln: von Schaum und Senf in den Haaren über das Essen von fünf Knoblauchzehen bis hin dazu, zwei Stunden lang an andere Personen gebunden zu sein. Natürlich gab es auch fast jeden Tag eine Party im Zelt, und das Wetter war immer noch sehr warm.
Die Menschen in Quebec mögen Country-Musik sehr, und Cowboyboots und ein Cowboyhut gehören hier scheinbar einfach dazu. Es machte unglaublich viel Spass, noch engere Kontakte zu knüpfen und die kanadischen Studierenden besser kennenzulernen. Ausserdem ist es hier völlig normal, dass fast alle Trainerhosen und Hausschuhe oder UGG-Boots tragen – sogar im Unterricht. Seid also nicht überrascht, wenn ihr in die Bibliothek geht und dort viele Studierende seht, die auf den Sofas ein Nickerchen machen. Auch Eichhörnchen sieht man überall, und gelegentlich begegnet man sogar Hirschen auf dem Campus.
Man lernt die meisten Menschen kennen, die auf dem Campus wohnen. Es ist jedoch schwierig, enge Freundschaften mit kanadischen Studierenden aufzubauen, weil wir Austauschstudierenden in wenigen Monaten wieder nach Hause zurückkehren, während die Erstsemesterstudierenden Freundschaften für das ganze Studienjahr schliessen möchten. Deshalb sind meine engsten Freunde alles Austauschstudierende aus verschiedenen Ländern. So lerne ich nicht nur die kanadische Kultur kennen, sondern entdecke auch viele andere Kulturen. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier so enge Freundschaften schliessen würde – mit Menschen, zu denen ich nach meinem Austauschsemester auf keinen Fall den Kontakt verlieren möchte. Das macht die ganze Erfahrung noch besonderer.
Bevor der Unterricht begann, war ich immer noch sehr nervös, weil ich befürchtete, aufgrund der englischen Sprache Schwierigkeiten zu haben. Ich muss jedoch sagen, dass von Anfang an alles sehr gut lief und ich mich schnell in die Sprache einlebte. Das akademische Niveau ist nicht so anspruchsvoll wie in Liechtenstein, aber während des Semesters haben wir viele Tests und Aufgaben, die ziemlich zeitaufwendig sind. Die Klassen sind mit etwa 20 bis 25 Personen relativ klein, aber das bin ich von meiner Universität gewohnt.
Die ersten Wochen verbrachte ich hauptsächlich auf dem Campus, weil wir dort alles haben, was wir brauchen. Ausserdem ist die Stadt, in der sich die Universität befindet, sehr klein und bietet nicht besonders viel. Ich gehe in den Unterricht, lerne mit Freunden in der Bibliothek, gehe mit ihnen ins Fitnessstudio und treffe viele Menschen in der Cafeteria, wenn ich dort zu Mittag oder zu Abend esse. Abends schauen wir entweder einen Film oder unterhalten uns einfach.
An der Universität gibt es auch viele Sportteams. Jeden Mittwochmorgen habe ich Eiskunstlauftraining und gelegentlich gehe ich zum Tennisclub der Universität. Es macht auch Spass, am Wochenende die Sportteams bei ihren Wettkämpfen anzufeuern. Dabei tragen alle Uni-Merchandise und violette Kleidung. Während man die Spielerinnen und Spieler anfeuert, fühlt man sich wie Teil einer grossen Familie – auch wenn ich anfangs nicht besonders viel von American Football verstand.
Bisher habe ich auch Montreal besucht, eine wunderschöne Stadt, die nur eineinhalb Stunden vom Campus entfernt liegt, sowie Quebec City und Toronto am Thanksgiving-Wochenende. Kanada ist ein wirklich wunderschönes Land, und Toronto hat mir besonders gut gefallen. Es gibt viele Möglichkeiten, kurze Reisen zu unternehmen, und ich freue mich darauf, herauszufinden, welche Stadt ich als Nächstes besuchen werde.
Früher hatte ich nie darüber nachgedacht, Kanada zu besuchen oder dort zu leben. Umso glücklicher bin ich heute über meine Entscheidung, mein Auslandssemester hier zu verbringen. Ich knüpfe enge internationale Freundschaften, fühle mich an der Universität wohl, weil sie klein und persönlich ist, entwickle mich weiter und lerne mich selbst besser kennen. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, während des Semesters viele wunderschöne Städte zu besuchen.