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Eine neue Ebene des Geldes

Eine neue Ebene des Geldes

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Stablecoins: Mehr als nur ein Krypto-Phänomen – sie erweitern die Architektur des Geldsystems und schaffen eine neue, digital programmierbare Ebene privaten Geldes. Prof. Dr. Martin Angerer von der Universität Liechtenstein beleuchtet die makroökonomischen Implikationen und die Rolle des US-Dollars in dieser digitalen Transformation. 

Mehr als ein Krypto-Phänomen

Was häufig als Randthema der Kryptoökonomie erscheint, berührt in Wahrheit die Architektur des Geldsystems. Stablecoins sind privat emittierte digitale Werteinheiten, deren Stabilitätsversprechen sich auf hinterlegte Vermögenswerte oder andere Stabilisierungsmechanismen stützt. Wie diese Absicherung hinsichtlich Qualität, Liquidität und Transparenz konkret ausgestaltet ist unterscheidet sich allerdings erheblich zwischen den Emittenten. Von einheitlicher Reservepraxis kann keine Rede sein.

Historisch ist das kein Bruch, sondern eine Erweiterung. Als sich das Giralgeld etablierte, entstand neben staatlichem Zentralbankgeld eine private, bankbasierte Geldform. Der Eurodollar-Markt schuf Dollar-Liquidität ausserhalb des US-Bankensystems, ohne dieses zu ersetzen. In beiden Fällen wurde die bestehende Ordnung nicht verdrängt, sondern um eine zusätzliche Schicht ergänzt. Stablecoins stehen in dieser Tradition: Sie fügen der bestehenden Geldarchitektur eine digital programmierbare Variante privaten Geldes hinzu.

Geldmenge oder Geldform?

Makroökonomisch interessant wird dies bei der Frage nach der Geldmenge. Wird ein Dollar in einen Stablecoin getauscht, verschwindet zunächst eine Bankeinlage und wird durch einen Anspruch gegenüber dem Emittenten ersetzt. Investiert dieser die Mittel in Staatsanleihen oder geldmarktnahe Instrumente, zirkuliert die zugrunde liegende Liquidität weiter im Finanzsystem. Es entsteht kein neues Zentralbankgeld. Gleichwohl kann der Eindruck zusätzlicher Liquidität entstehen will neben klassischen Bankeinlagen nun eine weitere, global transferierbare Anspruchsform existiert, die funktional als Zahlungsmittel genutzt werden kann.

Stablecoins erhöhen somit nicht automatisch die monetäre Basis. Sie können jedoch die zirkulierende, geldähnliche Liquidität im System verdichten. Das Finanzsystem erhält eine zusätzliche Anspruchsebene, die technisch friktionsarm übertragbar ist und ausserhalb traditioneller Bankbilanzen zirkuliert. Die relevante Veränderung liegt daher weniger in der Geldschöpfung als in der Struktur der Intermediation.

Eine Dollarschicht entsteht

Auffällig ist zudem die aktuell einseitige Währungsdimension. Systemisch bedeutsame Stablecoins existieren bislang faktisch nur auf US-Dollar-Basis. Damit entsteht eine global skalierbare, digital zirkulierende Dollarschicht, während andere Währungen in diesem Segment kaum vertreten sind. Dies verstärkt die Rolle des Dollars nicht nur als Reserve, sondern zunehmend auch als digitalisiertes Transaktionsmedium.

Stabilität verstehen, Wandel gestalten

Solange Reservequalität, Transparenz und regulatorische Einbettung gewährleistet sind, sprechen diese Entwicklungen eher für eine strukturelle Evolution als für eine Destabilisierung. Stablecoins transformieren bestehende Liquidität in eine neue technische Form. Gerade deshalb sollten Finanzinstitute sie weder als blosses Spekulationsphänomen abtun noch unkritisch übernehmen. Wer Stabilität sichern will, muss verstehen, wie sich die Liquiditätsarchitektur verändert. Und wer Wandel gestalten will, sollte analysieren, welche Rolle privat emittierte digitale Geldformen künftig in Zahlungsverkehr, Liquiditätsmanagement und Kapitalmarktinfrastruktur spielen könnten.

 

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