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Italien - Venedig

Italien - Venedig

Ondrej Koleno

Alltag in Venedig

View of a square with domed building and people.

Als ich in Venedig ankam, war es nicht mein erster Besuch in dieser Stadt. Ich war schon mehrmals hier gewesen. Dennoch fühlt sich jede Ankunft immer noch besonders an: Nach der langen Zugfahrt aus dem Bahnhof Santa Lucia herauszutreten und plötzlich zu sehen, wie sich Venedig über den Canal Grande öffnet, ist jedes Mal ein eindrücklicher Moment. Der erste Eindruck ist intensiv: Ströme von Touristinnen und Touristen, Boote, die sich ständig durch die Kanäle bewegen, und Menschenmengen, die die engen Gassen füllen. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt chaotisch, fast so, als wäre die gesamte Insel ständig in Bewegung.

Von Anfang an hatte ich jedoch einen klaren Wunsch für meinen Aufenthalt hier. Ich wollte die rein touristische und klischeehafte Seite Venedigs möglichst vermeiden. Stattdessen hoffte ich, eine authentischere Version der Stadt kennenzulernen: ruhige Innenhöfe, den Alltag der lokalen Bevölkerung und den langsameren Rhythmus der Region Venetien. Meine Zeit hier sollte mehr sein als ein kurzer Besuch berühmter Sehenswürdigkeiten. Ich sehe sie als eine Suche nach Authentizität in einer Stadt, in der das historische Erbe manchmal von Angeboten für den Massentourismus überlagert wird.

Nach einer zwanzigminütigen Busfahrt vom Bahnhof erreichte ich meine Unterkunft in Favaro. Favaro ist eine ruhige, mittelgrosse Stadt auf dem Festland, direkt neben Venedig. Die Atmosphäre dort fühlte sich sofort ganz anders an als auf der Insel. Einfamilienhäuser, gepflegte Gärten und ruhige Strassen bilden einen starken Kontrast zu den überfüllten Teilen Venedigs. Dank der Hilfe meiner Mitbewohnerin fand ich mich schnell im Alltag zurecht. Ich meldete mich in einem lokalen Fitnessstudio an, erledigte meine Einkäufe in nahegelegenen Supermärkten mit vielen regionalen Produkten und genoss gelegentlich ein Glas Wein in lokalen Bars. Diese einfachen Routinen halfen mir, mich in kurzer Zeit überraschend wohlzufühlen – fast so, als hätte ich schon viel länger in der Region gelebt.

Neben meinem Studium war es mir wichtig, während meines Auslandsaufenthalts auch praktische Erfahrungen in der Architektur zu sammeln. Glücklicherweise hatte ich bereits vor meiner Ankunft in Italien ein Vorstellungsgespräch bei einem Architekturbüro vereinbaren können, das direkt auf der Insel liegt. Anfang März begann ich meine Arbeit im APML Studio. Diese Erfahrung ist für meine Suche nach Authentizität in Venedig von unschätzbarem Wert.

Die Offenheit der Menschen in dieser Region wurde mir im Büro besonders deutlich. Das Team hiess mich von Beginn an herzlich willkommen. Mittagessen und Kaffeepausen sind fast immer gemeinsame Momente, und nach dem Mittagessen ist es eine kleine Tradition, zusammen einen kurzen Spaziergang zu machen – meist durch die ruhigeren Teile von Santa Croce. Während dieser Spaziergänge teilen meine Kolleginnen und Kollegen oft kleine Insiderinformationen über die Stadt oder zeigen mir enge Gassen und versteckte Ecken, die ich alleine wahrscheinlich nie entdecken würde. In diesen Momenten erhalte ich einen Einblick in das Venedig jenseits der Touristenströme: ein ruhiger Ort, an dem sich die Menschen Zeit nehmen, die kleinen Details des Alltags zu geniessen. Ich erkannte schnell den Rhythmus und die Arbeitsethik, die sich überraschenderweise kaum von denen in der Schweiz unterscheiden. Ich lernte, dass die Menschen in dieser Region fleissig und zuverlässig sind – sei es im öffentlichen Verkehr oder in der Universitätsverwaltung.

Ich stellte fest, dass Venedig eine unglaublich ruhige Stadt sein kann. Nur wenige Strassen abseits der überlaufenen Touristenrouten findet man plötzlich friedliche Plätze, leere Kanäle und Einheimische, die ihrem täglichen Leben nachgehen. Diese Momente lassen die Stadt völlig anders erscheinen als ihr weltweites Image einer überfüllten Tourismusdestination. Venedig ist eine Stadt voller Geschichten – in jeder Hinsicht: architektonisch, historisch und persönlich. In den kommenden Monaten hoffe ich, so viele dieser Geschichten wie möglich zu entdecken. Einige werden mir sicherlich durch meine Arbeit im Architekturbüro begegnen, andere durch mein Studium, Gespräche mit meinen Mitbewohnerinnen oder einfache Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung. Für mich geht es bei dieser Erfahrung nicht nur darum, in einer berühmten Stadt zu leben, sondern darum, den Alltag in Venedig langsam zu verstehen.

View of a square with domed building and people.