Zum Hauptinhalt wechseln

Liechtenstein - Vaduz

Liechtenstein - Vaduz

Maria José Castro Jourdain

Zeit und Kultur

Bowl of salad with chickpeas, vegetables, and cheese.

Während meines Austauschs in Liechtenstein hat mich besonders die Pünktlichkeit sowie die hier üblichen Essenszeiten überrascht. Auf den ersten Blick mögen dies kleine Details des Alltags sein, doch nach einiger Zeit wurde mir klar, dass sie tiefere kulturelle Einstellungen zu Zeit, Organisation und Respekt gegenüber anderen widerspiegeln. Diese Erfahrungen haben mich nicht nur darüber nachdenken lassen, wie Menschen hier leben, sondern auch über Gewohnheiten aus meiner eigenen Kultur, die ich zuvor kaum hinterfragt hatte.

Eines der ersten Dinge, die mir nach meiner Ankunft in Liechtenstein aufgefallen sind, ist, wie ernst Pünktlichkeit genommen wird. Wenn etwas zu einer bestimmten Zeit beginnen soll, dann startet es auch genau zu diesem Zeitpunkt. Die Menschen kommen meist ein paar Minuten früher, damit alles wie geplant beginnen kann. Zu Beginn hat mich das sehr überrascht, da es sich stark von dem unterscheidet, was ich aus Mexiko kenne.

In Mexiko wird Zeit oft flexibler gehandhabt. Wenn etwas für eine bestimmte Uhrzeit geplant ist, ist dies meist der Zeitpunkt, zu dem die Menschen beginnen anzukommen, nicht der tatsächliche Beginn der Veranstaltung. Deshalb starten viele Anlässe etwa zehn bis fünfzehn Minuten später als geplant. Es ist sehr verbreitet und gilt in der Regel nicht als unhöflich, wenn jemand etwas zu spät kommt. Für mich war es immer normal, fünf oder sogar zehn Minuten später zu erscheinen, und das wurde selten persönlich genommen.

Aufgrund dieses Unterschieds war die Anpassung an die Pünktlichkeitskultur in Liechtenstein für mich eine Herausforderung. Ich habe erkannt, dass das, was in einer Kultur als normal gilt, in einer anderen ganz anders interpretiert werden kann. Hier kann Unpünktlichkeit als respektlos wahrgenommen werden, da sie signalisiert, dass man die Zeit anderer nicht wertschätzt. Dieses Verständnis hat mir deutlich gemacht, wie wichtig Zeitmanagement in dieser Kultur ist.

Ein weiterer kultureller Unterschied, der mich sehr überrascht hat, sind die Essenszeiten. Eines der ersten Dinge, die mir aufgefallen sind, war, dass das Mittagessen oft bereits gegen 11.30 Uhr stattfindet. Für mich fühlte sich das extrem früh an. Ich erinnere mich, dass ich dachte, es sei viel zu früh für eine vollständige Mahlzeit. In Mexiko ist mein Essensrhythmus ganz anders. Manchmal frühstücke ich sogar erst gegen 13 Uhr, weshalb mir die Vorstellung, schon vor Mittag Huhn und Gemüse zu essen, zunächst sehr ungewohnt erschien.

Dieser Unterschied machte es mir in den ersten Wochen schwer, mich anzupassen. Mein Körper war es schlicht nicht gewohnt, so früh am Tag eine grosse Mahlzeit zu sich zu nehmen. Anfangs fühlte es sich fast so an, als würde ich zu Mittag essen, bevor ich überhaupt Hunger hatte. Mit der Zeit begann ich jedoch zu verstehen, dass diese Zeiten mit dem täglichen Lebensrhythmus hier zusammenhängen. Die Menschen starten ihren Tag meist früher, was bedeutet, dass auch das Mittagessen früher stattfindet, als ich es gewohnt bin.

Diese kulturellen Unterschiede haben mich dazu gebracht, Gewohnheiten zu hinterfragen, die ich zuvor als selbstverständlich angesehen habe. In Mexiko ist ein flexibler Umgang mit Zeit oft Teil der sozialen Kultur. Er kann eine entspannte Atmosphäre schaffen und Begegnungen spontaner wirken lassen. In Liechtenstein hingegen scheint Pünktlichkeit für Respekt, Effizienz und Rücksichtnahme auf die Zeit anderer zu stehen.

Auch wenn die Anpassung einige Zeit gebraucht hat, sehe ich heute den Wert dieses Umgangs mit Zeit. Pünktlichkeit zeigt Respekt gegenüber anderen und trägt dazu bei, dass alles reibungslos abläuft. In einer Kultur zu leben, in der Zeit so ernst genommen wird, hat mich sensibler für meine eigenen Gewohnheiten und deren Auswirkungen auf mein Umfeld gemacht.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass alltägliche Praktiken wie Essenszeiten oder Zeitmanagement nicht zufällig sind. Sie werden durch kulturelle Werte und soziale Erwartungen geprägt. Deshalb kann etwas, das in einem Land völlig normal ist, in einem anderen fremd oder ungewohnt wirken.

Auch wenn mich die frühe Mittagszeit noch immer etwas überrascht, hoffe ich, dass ich mich bis zum Ende meines Austauschs noch besser an diese Routinen angepasst haben werde. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich bei meiner Rückkehr nach Mexiko das Gelernte beibehalten und versuchen werde, pünktlicher zu sein. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass kleine Veränderungen im Alltag grössere Lektionen über Respekt, Kultur und das Verständnis unterschiedlicher Lebensweisen vermitteln können.

Bowl of salad with chickpeas, vegetables, and cheese.