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Zwischen Wut und Zuversicht

Zwischen Wut und Zuversicht

Vortragssituation mit einem Bildschirm und einer vortragenden Person

Im Rahmen der Alumnivortragsreihe sprach die Architektin, Praxisdozentin und Alumna Nina Beck an der Liechtenstein School of Architecture. In ihrem Vortrag «Jenseits der Perfektion» gab sie offene und persönliche Einblicke in ihren Zugang zur Architektur und in die Fragen, die sie beschäftigen.

Ausgehend von ihrer Studienzeit an der Universität Liechtenstein nahm sie das Publikum mit auf ihren Weg in die Selbständigkeit. Besonders prägend sei für sie seit jeher die Begegnung mit bestehender Bausubstanz. «Wenn ich alte Gebäude betrete, löst das etwas in mir aus», beschrieb sie ihre Faszination für Materialien, Oberflächen und die Geschichten, die in ihnen eingeschrieben sind. 
 

«Ich bin wütend über Abrisspraktiken»
 

Ein zentrales Thema ihres Vortrags war ihre klare Haltung gegenüber dem Abriss bestehender Gebäude. Eindrücklich schilderte sie einen Moment, der sie nachhaltig geprägt hat: der Besuch eines Hauses einen Tag, bevor die Abrissbagger angerollt sind. Die dort entdeckten Qualitäten und Details standen im starken Kontrast zur Entscheidung, das Gebäude zu ersetzen. «Ich bin wütend über Abrisspraktiken, die aus Bequemlichkeit und wirtschaftlichem Kalkül Geschichte auslöschen», so Beck. 

Diese Wut sei für sie zu einer treibenden Kraft geworden. Gleichzeitig wurde ihr Wille deutlich, dieser Praxis etwas entgegenzusetzen und aufzuzeigen, dass es auch anders geht. Statt Abriss sucht sie konsequent nach Möglichkeiten, Gebäude zu erhalten, weiterzuentwickeln und neu zu denken. Sie hinterfragt gängige Vorstellungen von Wirtschaftlichkeit und stellt die Frage, ob der Erhalt nicht oft der verantwortungsvollere Weg wäre, wenn ökologische und kulturelle Werte mitgedacht werden.
 

«Geschichte nicht löschen, sondern weiterschreiben»
 

In ihrer heutigen Arbeit setzt sie genau hier an. Statt neu zu bauen, sucht sie im Bestand nach Qualitäten und Möglichkeiten der Transformation. Ihre Umbauprojekte zeigen, wie durch behutsame Eingriffe und eine enge Zusammenarbeit mit Handwerk und Bauherrschaften bestehende Gebäude weiterentwickelt werden können.Dabei gehe es nicht um Perfektion, sondern um Haltung. Bestehende Strukturen dürfen sichtbar bleiben, Veränderungen sollen lesbar sein. «Es entstehen Häuser mit Ecken und Kanten, die ihre Geschichte weiterschreiben», beschrieb sie ihren Ansatz. 

Diese Form des Weiterbauens versteht sie als nachhaltige und zugleich kulturell sensible Praxis, die den Wert des Vorhandenen ernst nimmt.
 

«Wir stehen an einem Wendepunkt, wo die Spielregeln sich gerade ändern»
 

Zum Abschluss formulierte Nina Beck ihre Haltung und ihren Blick nach vorne. Sie sieht die Architektur an einem Moment des Umbruchs, in dem neue Wege möglich werden. Es gehe darum, Verantwortung zu übernehmen und mit Mut neue Massstäbe zu setzen, statt Gewohntes einfach fortzuführen. 

Ihre Zuversicht ist dabei klar spürbar: dass sich eine neue Sprache für das Weiterbauen entwickeln lässt, sensibel, nachhaltig, mutig und bewusst unperfekt. Dass Bestandsarchitektur kein Relikt ist, sondern ein Versprechen für die Zukunft. Und dass sich noch viele Türen öffnen werden, wenn der Blick für das Vorhandene geschärft wird. 

Dass sich dieser Weg auszahlt, zeigt auch eine aktuelle Auszeichnung: Gemeinsam mit dem Projektteam wurde Nina Beck kürzlich mit dem Österreichischen Staatspreis Design für das Projekt «Die Gute Stube» ausgezeichnet. Besonders bemerkenswert ist, dass damit ein minimal invasiver Umbau gewürdigt wurde und genau jene Haltung eine grosse Bühne erhält, für die sie sich in ihrer Arbeit einsetzt.
 

Die Veranstaltung war eine Kooperationsveranstaltung der Liechtenstein School of Architecture und Alumni Relations der Universität Liechtenstein. Der nächste Alumnivortrag ist für September 2026 geplant. 


Mehr zu Nina Beck

Fachgruppe Bauerbe & Upcycling der Liechtenstein School of Architecture 

Blogbeitrag «Zwischen Abriss und Aufbruch»

Vortragssituation mit einem Bildschirm und einer vortragenden Person