Wenn Räume zu viel werden
Wenn Räume zu viel werden
In ihrer Forschungsarbeit untersucht die Architekturstudentin Carola Mayerhoffer, wie sensorische Reize in Räumen zusammenwirken und Belastung erzeugen können. Daraus entwickelt sie Ansätze für eine inklusivere Architektur.
Die Neuroarchitektur untersucht, wie gebaute Umgebungen Wahrnehmung, Stressregulation, Aufmerksamkeit und Verhalten beeinflussen. Das interdisziplinäre Feld verbindet Architektur, Neurowissenschaften und Umweltpsychologie und fragt danach, wie unterschiedliche sensorische Reize auf kognitive und emotionale Prozesse wirken.
Gerade im Kontext der Neurodiversität gewinnt diese Perspektive zunehmend an Bedeutung, weil räumliche Qualität nicht länger für einen „typischen Durchschnittsnutzer“ gedacht werden kann. Sensorische Profile verdeutlichen, wie unterschiedlich Wahrnehmungspräferenzen, Belastungsschwellen und räumliche Bedürfnisse ausgeprägt sein können. Sie machen sichtbar, dass sensorische Belastung nicht für alle Nutzergruppen gleich entsteht.
Viele heutige Büroumgebungen folgen noch neurotypischen Standards wie visueller Offenheit, ständiger sozialer Exposition, diffuser Geräuschkulisse und einheitlicher Beleuchtung. Für neurodivergente Menschen können diese Bedingungen zu dauerhafter Überlastung, sinkender Konzentration oder Rückzug aus dem Arbeitsalltag führen.
Dieses Spannungsfeld untersuche ich anhand einer Fallstudie in einer bestehenden Büroumgebung. Vor Ort wurden Schall, Licht, Oberflächenreflexion, Temperatur und Luftqualität gemessen. Ergänzt durch einen sensorischen Walkthrough konnten potenzielle Belastungszonen entlang realer Bewegungsabläufe sichtbar gemacht werden. Die eingesetzten Messgeräte ermöglichten dabei eine objektive Erfassung der räumlichen Umweltfaktoren.
Die anschliessende Auswertung der Messreihe zeigt die Pegel einzelner Umweltfaktoren entlang des Weges. Dabei wird deutlich, dass auch mehrere für sich genommen niedrige Messwerte nicht zwingend zu einer insgesamt geringen sensorischen Belastung führen. Entscheidend bleibt das situative Zusammenspiel verschiedener Reize sowie deren Wahrnehmung im jeweiligen räumlichen Kontext. Für die Entwurfspraxis bedeutet das einen Perspektivwechsel: Nicht die isolierte Optimierung einzelner Umweltwerte steht im Vordergrund, sondern die räumliche Organisation ihrer Beziehungen. Die Trennung von Fokus- und Bewegungszonen, multisensorische Rückzugsräume und alternative Wegeführungen können dazu beitragen, Gebäude sensorisch robuster zu machen.
Davon profitieren nicht nur neurodivergente Nutzergruppen. Auch neurotypische Personen reagieren sensibel auf Dauerlärm, visuelle Unruhe und fehlende Rückzugsmöglichkeiten. Die Erkenntnisse sind deshalb nicht nur für Büroumgebungen relevant, sondern ebenso für Schulen, Verkaufsflächen und andere öffentliche Gebäude, in denen Orientierung, Reizregulation und soziale Exposition eine zentrale Rolle spielen. Neuroinklusion ist damit keine Sonderlösung, sondern eine architektonische Notwendigkeit, räumliche Qualität unter Bedingungen menschlicher Wahrnehmungsvielfalt neu zu denken.
Zur Autorin
Carola Mayerhoffer studiert im 4. Semester des Masterstudiengangs Architektur an der Universität Liechtenstein. Das Projekt ist Teil des Research Semesters in der Fachgruppe Nachhaltiges Bauen unter der Leitung von Prof. Dietrich Schwarz und David Kloeg.