«Der Zufall lässt sich nicht planen, aber man kann ihm auf die Sprünge helfen»
«Der Zufall lässt sich nicht planen, aber man kann ihm auf die Sprünge helfen»
In der Wirtschaft gilt Innovation als Allheilmittel. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff und wie lässt er sich in Zeiten der Digitalisierung steuern? Prof. Dr. Leo Brecht, Professor für Entrepreneurship und Technologie an der Universität Liechtenstein, kennt die Realität von Konzernen und KMU. Im Interview erklärt er, warum Prozessinnovationen oft unterschätzt werden, wie künstliche Intelligenz bei der Trendfrüherkennung hilft und wieso dem Land ein echter Venture Fund fehlt.
Das Wort «Innovation» prangt heute in fast jedem Geschäftsbericht. Wenn wir die Worthülse abstreifen: Was unterscheidet eine nette kreative Idee von einer echten Innovation?
Leo Brecht: Wir sprechen erst von Innovation, wenn drei Dinge zusammenkommen. Erstens: Die Lösung ist neu für die Branche oder die Welt. Zweitens: Sie liefert einen messbaren wirtschaftlichen Beitrag, steigert also direkt den EBIT. Drittens: Es muss kein Produkt sein. Auch Prozesse, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zählen. Nehmen Sie Thyssenkrupp Presta hier in Liechtenstein. Die bekannten Lenksysteme sind Produktinnovationen. Doch die hochkomplexen Fertigungsprozesse im Hintergrund tragen genauso stark zum Ergebnis bei. Das ist Prozessinnovation. Genau daran krankt die öffentliche Wahrnehmung: Viele starren gebannt auf das fertige Produkt und übersehen den eigentlichen Wertschöpfungsprozess.
Warum vernachlässigen denn so viele Firmen die Optimierung ihrer internen Abläufe und jagen stattdessen krampfhaft dem nächsten revolutionären Produkt hinterher?
Neue Produkte glänzen im Schaufenster und lassen sich wunderbar vermarkten. Optimierte Abläufe dagegen sind unsichtbar. Das ist ein schwerer Managementfehler. Prozessinnovationen senken Kosten, erhöhen die Geschwindigkeit und steigern die Qualität drastisch. Das stärkt die Resilienz. Unsere Forschungen zeigen: Wer seine Geschäftsprozesse aus Ressourcensicht analysiert und unnötige Schnittstellen eliminiert, übersteht Krisen weitaus besser. Aber diese Arbeit ist mühsam und verspricht keinen schnellen Ruhm.
Viele Gründer schwören auf den spontanen Geistesblitz. Kann man Innovation in einem Unternehmen überhaupt planen?
Den Geistesblitz können Sie nicht in den Kalender eintragen. Aber Sie können die Wahrscheinlichkeit für gute Ideen erhöhen. Das gelingt durch Struktur im «Fuzzy Front End» – der unklaren Frühphase der Innovation. Struktur bremst die Kreativität nicht aus, sie ermöglicht sie erst. Wir arbeiten an meinem Lehrstuhl eng mit dem Fraunhofer-Institut zusammen. Eine systematische, datengestützte Trendbeobachtung stellt sicher, dass neue Technologien Unternehmen nicht unvorbereitet treffen. Wer methodisch vorgeht, verschwendet weniger Energie und springt zum richtigen Zeitpunkt ab.
Was braucht ein Betrieb konkret auf der organisatorischen Ebene, um dauerhaft innovationsfähig zu sein?
Es braucht drei Fundamente. Erstens: klare Zuständigkeiten. Innovation darf nicht nebenbei laufen. Es braucht Köpfe, die sich exklusiv darum kümmern. Zweitens: geschützte Freiräume. Frisst das Tagesgeschäft jede freie Minute und jeden Franken auf, entsteht nichts Neues. Zeit und Budget müssen Sie vor dem Alltag abschirmen. Drittens: eine echte Fehlerkultur. Wenn Scheitern Bestrafung nach sich zieht, riskiert niemand mehr etwas. Aus Fehlern lernen wir am meisten. Liechtensteins kleine Betriebe haben hier einen riesigen Vorteil: Kurze Wege erlauben es, Ideen extrem schnell zu testen und unbürokratisch anzupassen.
Sie sind nicht nur Professor, sondern auch Unternehmer, Verwaltungsrat und Privatinvestor. Hilft Ihnen diese Doppelrolle dabei, die Probleme der Praxis besser zu verstehen?
Ja, enorm. Der Schritt in die Wissenschaft nach meiner Habilitation an der Universität St. Gallen hatte einen klaren Grund: Ich wollte Zeit haben, um Forschung mit echtem Impact zu betreiben. Als Mitgründer und Verwaltungsrat sehe ich die ungeschminkte Realität. Ein theoretisches Modell überlebt den ersten harten Marktkontakt selten unbeschadet, wenn es zu starr ist. Diese praktische Erdung schützt mich und mein Forschungsteam vor akademischer Weltfremdheit. Wenn ich mit Geschäftsführern im Rheintal spreche, rede ich als Unternehmer auf Augenhöhe, nicht als Professor im Elfenbeinturm. Das schafft Vertrauen und beschleunigt den Wissenstransfer.
Die Universität Liechtenstein soll laut Leistungsauftrag als regionaler Innovationsmotor wirken. Doch Theorie und Praxis fremdeln oft. Wie bringen Sie Ihr wissenschaftliches Wissen wirksam in die Wirtschaft?
Wir nutzen eine breite Palette von Transfer-Formaten. In Projekten arbeiten Studierende direkt an realen Problemen lokaler Betriebe – wie kürzlich bei Ivoclar in Schaan. Zudem weisen die Abschlussarbeiten im MBA-Studiengang für Technologie und Innovation fast ausnahmslos einen harten Praxisbezug auf. Sie lösen konkrete Probleme der Arbeitgeber. Ein weiteres Instrument sind Innosuisse-Projekte. Aktuell läuft beispielsweise ein Projekt mit der Vermögensverwaltung Factum, das auf dreieinhalb Jahre ausgelegt ist. Schliesslich stellen wir an meinem Lehrstuhl datenbasierte Werkzeuge bereit. Damit befähigen wir Unternehmen, neue Technologien und drohende Disruptionen eigenständig zu identifizieren.
Werfen wir einen Blick in Ihre Forschungswerkstatt. Welche Themen treiben Sie und Ihr Team derzeit voran?
Uns beschäftigen aktuell drei Felder. Das erste ist datengetriebenes Foresight. Wir erforschen, wie sich Zukunftsszenarien für Märkte und Technologien vorhersagen lassen. Kürzlich haben wir eine Methode publiziert, die Online-Stellenanzeigen analysiert. Aus diesen Job Postings filtern wir heraus, welche Kompetenzen Unternehmen tatsächlich suchen. So gewinnen wir verlässliche Signale für das Rheintal. Das zweite Thema sind KI-Agenten für Innovation. Wir bauen intelligente digitale Assistenten, die selbstständig Patentdatenbanken und Publikationen scannen, um disruptive Entwicklungen frühzeitig aufzuspüren. Das dritte Feld ist die Messung der Innovationseffizienz: Wir untersuchen empirisch den exakten Zusammenhang zwischen der Innovationskraft eines Unternehmens und seiner tatsächlichen wirtschaftlichen Leistung.
Zu welchem Ergebnis kommen Sie bei dieser Effizienzmessung?
Durch breite empirische Untersuchungen, die in mehreren Dissertationen mündeten, kennen wir heute die entscheidenden Muster. Wir wissen sehr genau, welche sieben bis zehn Hebel ein KMU im Rheintal bedienen muss, um seine Innovationsfähigkeit nachweislich zu steigern. Diese Erkenntnisse fliessen direkt in die strategische Beratung unserer Praxispartner ein.
Sprechen wir über den Standort. Liechtenstein gilt als finanzstark, zeigt sich bei der staatlichen Forschungsförderung aber traditionell zurückhaltend. Ist diese Sparsamkeit klug?
Ich halte diese Zurückhaltung für extrem riskant. Forschungsförderung ist keine kurzfristige Ausgabe, sondern eine Investition in die Zukunft. Sie zahlt sich erst über Jahre aus – in Form von innovativen Neugründungen, hochqualifizierten Fachkräften und Patenten. Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht das: Die Schweiz investiert seit Jahren konsequent rund drei Prozent ihres BIP in Forschung und Entwicklung. Das Resultat? Sie führt seit Jahren den Global Innovation Index als innovativstes Land der Welt an. Singapur verfolgt eine ähnlich konsequente Strategie und gehört ebenfalls zur globalen Spitzenklasse. Eine langfristige, verlässliche staatliche Förderung ist das Fundament, auf dem die exportorientierte liechtensteinische Industrie steht. Die Trittbrettfahrer-Mentalität greift hier zu kurz.
Wo muss Liechtenstein regulatorisch und politisch ansetzen, um im globalen Wettbewerb nicht abgehängt zu werden?
In Liechtenstein gibt es zwar hervorragende Initiativen, aber wir schöpfen das Potenzial nicht aus. Am dringendsten benötigen wir einen unbürokratischen, nationalen Venture Fund. Wir müssen Kapital für mutige, technologieintensive Ideen bereitstellen – weit über den FinTech- und Blockchain-Bereich hinaus. Derzeit wandern hervorragende Ideen ab, weil hierzulande das Risikokapital fehlt. Doch Geld allein reicht nicht. Wir müssen diesen Fund mit einem Venture Studio kombinieren. Das ist eine Organisation, die junge Gründer schrittweise bei Skalierung, Teambau und Technologieentwicklung begleitet. Genau diese operative Unterstützung fehlt in Liechtenstein völlig. Als privater Investor begleite ich selbst Start-ups und stelle meine Erfahrung auch dem Land gerne zur Verfügung. Wir müssen jetzt handeln, um Liechtenstein als dynamischen Innovationsstandort abzusichern.