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Australien-> Liechtenstein

Australien-> Liechtenstein

Jacob Nunes-Vaz

Zugehörigkeit in Liechtenstein

Bild mit Schloss und Weinberg.

Während meines Aufenthalts in Liechtenstein gab es nicht eine einzelne Sache, die mir besonders fremd erschien. Die Wahrheit ist, dass im Vergleich zu meinem Lebensstil in Australien alles gleichermassen ungewohnt war. Es war kein Kulturschock aufgrund eines einzelnen dramatischen Unterschieds, sondern vielmehr eine Ansammlung kleiner Unterschiede, die zusammengenommen das Gefühl der Fremdheit erzeugten, das ich empfand.

Der auffälligste Unterschied war zunächst die Bevölkerungsgrösse. In Liechtenstein leben rund 40'000 Menschen, was im Vergleich zu meiner Heimatstadt Adelaide mit fast 2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern unglaublich klein wirkt. Dieser Kontrast vermittelte mir ein eigenartiges Gefühl – fast so, als würde ich in einer Kleinstadt leben, in der alles und jeder eng miteinander verbunden ist. In Adelaide kann man in der Menge verschwinden; Anonymität ist selbstverständlich.

Dann ist da noch die Geografie. Liechtenstein ist ein Binnenstaat, eingebettet zwischen der Schweiz und Österreich und umgeben von den imposanten Alpen. Die Landschaft ist geprägt von schroffen Bergen, gewundenen Flüssen und charmanten Alpendörfern. Im Gegensatz dazu ist Australien weit, flach und riesig, mit natürlichen Grenzen, die nicht durch Berge, sondern durch die Ozeane gebildet werden, die uns umgeben. Zu Hause erstreckt sich der Horizont endlos und wird oft von nichts unterbrochen, das höher ist als ein Eukalyptusbaum.

Die kulturellen Traditionen in Liechtenstein sind tief verwurzelt und in den Alltag eingewoben. Dieses kleine Fürstentum blickt auf Jahrhunderte Geschichte zurück, mit Bräuchen und Ritualen, die über Generationen weitergegeben wurden. Australien hingegen ist eine vergleichsweise junge Nation mit einer vielfältigen Mischung aus Kulturen und Einflüssen, die durch verschiedene Einwanderungswellen und das indigene Erbe geprägt wurde. Während die Vielfalt Australiens eine dynamische und sich ständig weiterentwickelnde Kulturszene mit sich bringt, vermittelt Liechtenstein ein Gefühl von Kontinuität und Bewahrung, bei dem Tradition nicht nur erinnert, sondern aktiv gelebt wird.

Auch das Klima war ein deutlicher Kontrast. In Liechtenstein gibt es kalte, schneereiche Winter und warme, angenehme Sommer. Aus Australien kommend, wo die Winter mild und die Sommer mit trockener, unerbittlicher Hitze sehr heiss sein können, war die Erfahrung eines echten Winters – schneebedeckte Strassen, frostige Morgen und die Notwendigkeit, tatsächlich mehrere warme Kleidungsschichten zu tragen – etwas völlig Neues. Verstärkt wurde die Orientierungslosigkeit dadurch, dass die Jahreszeiten umgekehrt waren. Während meine Freundinnen und Freunde zu Hause im Dezember an den Stränden lagen, sass ich drinnen und beobachtete, wie draussen der Schnee fiel.

Auch die sozialen Interaktionen fühlten sich anders an. Liechtenstein strahlt sowohl im Lebensstil als auch in der Kommunikation eine gewisse Förmlichkeit aus. Begrüssungen sind höflich und strukturiert, und Respekt und gute Umgangsformen spielen eine deutlich erkennbare Rolle. In Australien ist die soziale Atmosphäre hingegen entspannt, ungezwungen und von Humor geprägt.

Auch der Einfluss der Religion war eine Umstellung. In Liechtenstein sind Sonntage buchstäblich heilig. Fast alles ist geschlossen – ein Tag, der der Erholung, der Familie und der Besinnung gewidmet ist. In Australien sind Sonntage oft einfach ein weiterer Tag für Erledigungen, Brunch oder ausgedehnte Shoppingtouren. Der geringe Einfluss der Religion in meinem Heimatland bedeutete, dass das Leben nur selten stillstand. Hier verlangsamt sich dagegen der wöchentliche Rhythmus und zwingt einen dazu, durchzuatmen, nachzudenken und ein ruhigeres Tempo anzunehmen.

Und natürlich war die Sprachbarriere nicht zu übersehen. Die in Liechtenstein gesprochenen deutschen Dialekte waren völlig anders als das australische Englisch, an das ich gewöhnt war. Obwohl ich über einige grundlegende Deutschkenntnisse verfügte, liessen mich die regionalen Unterschiede, der lokale Slang und die schnellen Gespräche oft ratlos zurück. Einfache Dinge wie Essen zu bestellen oder nach dem Weg zu fragen, wurden zu kleinen Herausforderungen, die mir meinen Status als Aussenstehender vor Augen führten.

Doch mit der Zeit geschah etwas Unerwartetes. Das Gefühl, ein Aussenstehender zu sein, begann langsam zu verschwinden. Es war keine plötzliche Veränderung, sondern vielmehr ein schleichender Wandel, der sich ganz leise vollzog.

Nach zwei Monaten entschied ich mich schliesslich, dass es Zeit für einen Haarschnitt war, und vereinbarte einen Termin bei Pako’s Barbershop in Schaan. Da ich mir Sorgen machte, dass mein Deutsch nicht gut genug war, um zu erklären, wie ich meine Haare geschnitten haben wollte, ging ich im Kopf einige Sätze durch. Zu meiner Überraschung sprach der Barber perfektes Englisch. Er war Italiener aus Mailand, und wir unterhielten uns problemlos über das Leben in Liechtenstein. Diese Begegnung war ein Wendepunkt. Sie liess mich erkennen, dass Liechtenstein nicht nur die Heimat der Einheimischen ist, sondern ein Mosaik aus Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus – und damit ähnlicher zu Australien ist, als ich zunächst gedacht hatte.

Im Laufe des Semesters lernte ich immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennen – Studierende, Ladenbesitzerinnen und Ladenbesitzer, Mitarbeitende in Cafés – und alle hatten ihre eigenen Geschichten darüber, wie sie in dieses kleine Land gekommen waren. Ich begann zu verstehen, dass ich hier nicht einfach nur ein Ausländer war. Ich war Teil des vielfältigen kulturellen Gefüges, das Liechtenstein zu mehr macht als nur seinen Grenzen und Traditionen.

Am Ende war es nicht eine einzelne Sache, die meine Erfahrung prägte. Es war die Summe aus Gegensätzen, Anpassungen und Begegnungen, die das Gefühl der Fremdheit langsam in Vertrautheit und Zugehörigkeit verwandelte.

Bild mit Schloss und Weinberg.