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Ein anderer Lebensrhytmus

Ein anderer Lebensrhytmus

Esin Yavuz

Vom frühen Abendessen bis spät in die Nacht

drei Mädchen mit grossem Hut

Als ich zum ersten Mal in Valencia ankam, fühlte sich eine Sache für mich besonders fremd an: wie spät alles stattfand. In Österreich war ich es gewohnt, gegen 18 oder 19 Uhr zu Abend zu essen und den Abend zu Hause zu verbringen. In Valencia trafen sich die Menschen normalerweise viel später mit ihren Freunden, oft gegen 21 oder 22 Uhr, und die Restaurants waren auch spätabends noch voll. Am Anfang konnte ich nicht verstehen, wie die Menschen so lange wach bleiben konnten.

In den ersten Wochen fiel es mir schwer, mich an diesen Lebensstil zu gewöhnen. Manchmal war ich bereits müde, wenn meine Freunde sich treffen wollten. Ich fand es auch ungewohnt, dass die Stadt am Abend immer noch voller Menschen war. Familien mit Kindern, Studierende und ältere Menschen waren gemeinsam draussen. Die Strassen und Plätze waren voller Leben, und alle schienen es zu geniessen, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen.

Nach einiger Zeit änderte ich langsam meinen Tagesablauf. Ich begann, später zu Abend zu essen und mich abends mit meinen Freunden zu treffen, anstatt zu Hause zu bleiben. Selbst an Tagen, an denen ich bereits zu Hause gegessen hatte, ging ich später am Abend noch mit meinen Freunden in eine Bar. Wir sassen draussen, tranken ein Estrella, teilten uns Patatas Bravas und unterhielten uns einfach stundenlang. Ich erkannte, dass die Menschen in Spanien nicht nur ausgehen, weil sie Hunger haben. Sie gehen aus, um Zeit miteinander zu verbringen und die Atmosphäre zu geniessen. Für mich wurde es normal, nach dem Abendessen spazieren zu gehen, etwas auf einer Terrasse zu trinken oder einfach draussen zu sitzen und die warmen Abende zu geniessen.

Diese Erfahrung hat mir geholfen zu verstehen, dass es nicht nur eine «richtige» Art gibt, seinen Tag zu gestalten. Bevor ich nach Spanien kam, dachte ich, mein Tagesablauf sei normal. Jetzt weiss ich, dass jede Kultur unterschiedliche Gewohnheiten hat. Anstatt diese Unterschiede zu beurteilen, habe ich gelernt, offener und neugieriger zu sein.

Rückblickend denke ich, dass diese Erfahrung mich verändert hat. Ich bin flexibler geworden und eher bereit, neue Dinge auszuprobieren. Ausserdem habe ich gelernt, die kleinen Momente mehr zu geniessen. Mit Freunden draussen zu sitzen, etwas zu trinken, Essen zu teilen und über unseren Tag zu sprechen, mag nach kleinen Dingen klingen, aber sie können einen gewöhnlichen Tag besonders machen. Ich denke, dass ich diese Einstellung mit nach Hause nehmen werde.

Sich an eine andere Kultur anzupassen bedeutet nicht, die eigenen Gewohnheiten aufzugeben. Es bedeutet, zu verstehen, warum Menschen Dinge anders machen, und eine andere Lebensweise zu schätzen. Ich denke, dass dies eine der wichtigsten Lektionen ist, die ich während meines Erasmus-Semesters in Valencia gelernt habe.

drei Mädchen mit grossem Hut