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Marokko - Rabat

Marokko - Rabat

Gerard Delavier

Kommunikation ohne gemeinsame Sprache

Vier Personen mit Tüchern im Laden vor bunten Stoffen.

Einer der grössten Unterschiede, die mir während meiner Zeit in Rabat aufgefallen sind, ist die sprachliche Situation. In Marokko sprechen die Menschen hauptsächlich Arabisch und Französisch, und am Anfang war das für mich etwas überwältigend. Vor meiner Ankunft hatte ich nur zwei Jahre Französisch in der Schule, sodass ich einige grundlegende Dinge verstehe, aber weit davon entfernt bin, fliessend zu sprechen. Arabisch war für mich völlig neu.

An der Universität stellte dies jedoch kein grosses Problem dar. Die meisten Studierenden sprechen ziemlich gut Englisch, besonders in einem internationalen Umfeld wie der Rabat Business School. Der Unterricht findet auf Englisch statt, und die Kommunikation mit den Professorinnen und Professoren ist unkompliziert. Natürlich sprechen manche Studierende besser Englisch als andere, aber insgesamt hatte ich weder im Unterricht noch bei Gruppenarbeiten ernsthafte Schwierigkeiten, mich zu verständigen oder andere zu verstehen. In dieser Hinsicht fühlt sich das Universitätsleben recht vertraut an.

Ausserhalb der Universität ändert sich die Situation jedoch. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, zum Beispiel in Restaurants oder Geschäften, versuche ich, etwas Französisch zu sprechen. Manchmal kann ich einfache Dinge bestellen oder Teile eines Gesprächs verstehen, was sich wie ein kleiner Erfolg anfühlt. Es gibt aber auch viele Situationen, in denen mein Französisch nicht ausreicht. In solchen Momenten wechsle ich meist ins Englische, was oft, aber nicht immer funktioniert.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Nutzung von InDrive, einer App ähnlich wie Uber. Wenn man eine Fahrt bucht, ruft der Fahrer oder die Fahrerin in der Regel an. Meist beginnen sie auf Arabisch zu sprechen, wechseln dann ins Französische und versuchen manchmal auch ein wenig Englisch. Diese Anrufe können ziemlich stressig sein, da alles sehr schnell geht und man kaum Zeit zum Nachdenken hat. In solchen Situationen versuche ich, einfache französische Wörter oder kurze englische Sätze zu verwenden, manchmal sogar eine Mischung aus beidem. Es fühlt sich nicht immer reibungslos an, aber irgendwie funktioniert es.

Besonders hilfreich sind kleine Strategien, die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe. Eine davon ist die Nutzung von Übersetzungs-Apps. InDrive bietet zum Beispiel eine Chatfunktion mit automatischer Übersetzung, was die Kommunikation deutlich erleichtert und viel Druck wegnimmt. Wenn trotzdem etwas unklar bleibt, kann ich jederzeit Google Translate nutzen.

Eine weitere wichtige Strategie ist, ruhig zu bleiben und keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Die Menschen hier sind in der Regel geduldig und verständnisvoll, auch wenn die Kommunikation nicht perfekt ist. Ausserdem habe ich gemerkt, dass Kommunikation nicht nur aus Sprache besteht. Gestik, Mimik und Tonfall spielen eine grosse Rolle. Manchmal versteht man die Situation auch dann, wenn man nicht jedes Wort versteht. Darüber hatte ich früher kaum nachgedacht. Zu Hause bin ich es gewohnt, alles klar mit Worten auszudrücken. Hier lerne ich, dass Kommunikation auch auf eine flexiblere Weise funktionieren kann.

Diese Erfahrung hat meine Sicht auf mich selbst als Kommunikatorin verändert. Früher dachte ich, eine Sprache gut zu sprechen bedeute, perfekt und fehlerfrei zu sprechen. Jetzt erkenne ich, dass es beim Kommunizieren vielmehr darum geht, offen zu sein, sich anzupassen und Lösungen zu finden. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, sich zu bemühen, mit anderen in Kontakt zu treten.

Rückblickend fühle ich mich heute deutlich selbstbewusster als zu Beginn. Ich kann zwar immer noch kein Arabisch, und mein Französisch ist weiterhin begrenzt, aber ich weiss, dass ich die meisten Situationen meistern kann. Das hat mich offener gemacht und mir die Angst vor unbekannten Situationen genommen. Ich habe gelernt, dass es fast immer einen Weg gibt zu kommunizieren, selbst wenn man keine gemeinsame Sprache teilt. Und manchmal sind es gerade diese unperfekten Gespräche, die man am meisten in Erinnerung behält.

Vier Personen mit Tüchern im Laden vor bunten Stoffen.