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Alle für mich — keiner für alle?

Veröffentlicht am: 31.05.2017
«Yes we can» klang es vor 9 Jahren, «Wir schaffen das» lautete eine Parole im vergangenen Sommer und «Wir sind das Volk» heisst es schon seit Georg Büchners «Dantons Tod» aus dem Jahr 1835 immer dann, wenn gesellschaftliche Umbrüche in der Luft liegen.

 

Text: Heike Esser
Illustration: Alina Sonea

 

Wer oder was ist dieses «Wir», an das vor allem in der Politik so häufig appelliert wird? Ist es die Summe der Menschen, die hinter einer Idee, Ideologie oder Führungspersönlichkeit stehen? Sind damit auch alle jene eingeschlossen, die erst dafür gewonnen werden sollen? Was lässt Individuen zu einem Wir zusammenwachsen?

In der Frühzeit der Menschheit war eine Gemeinschaft die Überlebensgarantie, bot die Sippe oder der Stamm Sicherheit und eine bessere Versorgung mit Nahrung. Und so sollte es bis zur Industrialisierung im 18. Jahrhundert bleiben – wer alleine war, hatte kaum eine Chance auf eine glückliche Zukunft. Der Verstoss aus der Gemeinschaft, in Acht und Bann geschlagen zu werden, kam oftmals einem Todesurteil gleich. Erst die Industrialisierung führte zur Aufgabe der starren ständischen Korporationen, die das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben bisher geprägt hatten. Die erweiterte Arbeitsteilung führte zu einer Schwächung der traditionellen sozialen Bindungen und dem Zerfall der dörflichen Gemeinschaften und liess neue Gemeinschaftsformen wie Parteien und Gewerkschaften, aber auch Vereine und Gesellschaften entstehen. Diese neuen Organisationen waren freiwillige Vereinigungen, die alle Bereiche des Lebens umfassten, sie vereinten individuelle mit kollektiven Interessen und gewannen so zunehmend an Macht und Einfluss.


Die heutige Rolle der Gemeinschaft

Und heute? Braucht der Einzelne heute noch die Stärke einer Gemeinschaft, um seine Interessen vertreten zu können? Die zunehmende wirtschaftliche Unabhängigkeit hat zu einer steigenden Individualisierung beigetragen. Bereits 1939 betonte der Soziologe Norbert Elias im Rahmen seiner Zivilisierungstheorie, dass der Industriestaat mit dem Ausbau des Gewaltmonopols und der Sozialsysteme wesentliche Aufgaben bei der Garantie der physischen und sozialen Sicherheit seiner Mitglieder übernommen hat. Die einzelnen Menschen erhielten so nicht nur allmählich grössere Entscheidungsspielräume, «sondern sind auch einem Zwang zur Entscheidung ausgesetzt. Eine der Folgen ist die Zunahme nicht-dauerhafter Beziehungen und der Zwang zur Beziehungsprüfung: Private Beziehungen, Berufsbeziehungen und in Grenzen auch Staatsangehörigkeiten werden auswechselbarer. Während Menschen früher häufig lebenslang an eine bestimmte soziale Einheit ( z.B. Familie ) gebunden waren, können sie immer häufiger über ihre Beziehungen selbst entscheiden — und müssen dies deshalb auch.» *

«Grössere Entscheidungsspielräume führen zu einer Zunahme nicht-dauerhafter Beziehungen und dem Zwang zur Beziehungsprüfung. » Norbert Elias, Soziologe

Die genannten Wir-Slogans zeigen aber, dass die Gemeinschaftsidee trotz aller Individualisierung auch heute noch nicht ausgedient hat. In Zeiten mit erhöhten Unsicherheiten wie Finanzkrise, Angst vor Arbeitslosigkeit, Terrorgefahr und starken Migrationsbewegungen bieten Gemeinschaften wieder erfolgreich ihren Schutz und Orientierungshilfen an. Gemeinschaft wird dabei oft nicht mehr zur Bereicherung der eigenen Erfahrungswelt gebildet, sondern dient zunehmend zur Abwehr Anderer und primär als Sammelbecken für Gleichgesinnte. Die Brexit-Entscheidung der Briten und die AfD / Pegida-Bewegung in Deutschland zeigen beispielhaft, wie rasch der gesellschaftliche Einfluss solcher «Schutzgemeinschaften» erstarken kann und grosse Bedeutung für Politik und Wirtschaft gewinnt. Verstärkt wird diese Renaissance vermeintlich klassischer Werte auch durch den Traditionsverlust während der vergangenen Jahre. In dieser Zeit des scheinbar endlosen Wirtschaftswachstums wandelten sich nicht nur die individuellen Lebensentwürfe, sondern auch die Wirtschaft veränderte ihre Werte. Galt etwa ein Mitarbeitender mit zahlreichen beruflichen Stationen in der Vergangenheit als kritisch betrachteter «Jobhopper», setzen heute Unternehmen vielfach auf regelmässig wechselnde Mitarbeitende, um sich einen steten Zustrom an neuen Ideen zu sichern. Gemeinschaften mit starren Werten scheinen in diesem bewegten Umfeld an Attraktivität zu gewinnen.


Die neuen Generationen

Doch muss man sich wirklich Sorgen um unsere Gesellschaft machen? Der Soziologe Klaus Hurrelmann vertritt in seinem Buch «Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert» die Ansicht: «Die Ypsiloner [Jahrgänge 1980 – 99, Anm. Red.] sind «Egotaktiker», die alle wichtigen Lebensentscheidungen nach den unmittelbaren Vorteilen und Nachteilen für die eigene Person und ihr Wohlbefinden abschätzen. In Zeiten, in denen es politisch und wirtschaftlich unruhig zugeht, in denen es den Job auf Lebenszeit möglicherweise nie mehr geben wird, investieren junge Leute so viel in ihre Bildung und Ausbildung wie nie zuvor. Ein hoher Bildungsabschluss wird zur wichtigsten Munition im Kampf um einen Platz in der Gesellschaft. Er gilt aber auch als Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben.» Allerdings wird dieser optimistische Ansatz von der empirischen Forschung nicht uneingeschränkt bestätigt. In vielen Studien erscheinen die Angehörigen der Generation Y als stark angepasst, stressgeplagt und verunsichert – mit einer Tendenz zum Rückzug ins private Idyll und dem ausgeprägten Wunsch nach Sicherheit, permanentem Feedback und Anerkennung. Dies erklärt zumindest teilweise das Aufleben nach innen gewandter Gruppierungen und überholt geglaubter Überzeugungen.

Ist die Generation Z der ab 2000 Geborenen als zweite Generation der «Digital Natives» noch an diesen alten Gemeinschaftsformen interessiert oder leben sie bereits vollständig in einer digitalisierten Welt mit virtuellen Freunden? Anders als die in der Arbeit Sinn suchende Generation Y möchten Mitglieder der Generation Z nach Ansicht zahlreicher Experten etwas nach aussen darstellen. Für sie steht im Vordergrund, im Berufsleben Karriere zu machen und Führungspositionen zu besetzen. Die eigene Darstellung und Präsenz in sozialen Netzwerken ist für sie von grosser Bedeutung. Die Generation Z wird nicht durch mögliche spätere materielle Reichtümer angetrieben, sondern durch das Streben nach Anerkennung. Nach den Studien Hurrelmanns entsteht ausserdem ein hoher Grad von Selbstbewusstsein und das Bestreben, Umwelt und Gesellschaft politisch zu verändern.

Es bleibt abzuwarten, ob die gegenwärtige Individualisierung auch in dem aktuell zunehmend schwierigeren wirtschaftlichen und politischen Umfeld fortschreitet, oder ob dadurch tragfähige Solidargemeinschaften eine Renaissance erleben.

*Norbert Elias: Die Gesellschaft der Individuen. Suhrkamp, 2001

 

*Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Juni 2017 Ausgabe des Denkraum Magazins.