Für die Enkelgeneration sorgen

Architekturstudierende haben zusammen mit ihrem Professor, Dietrich Schwarz, in ihrem „One-Planet-Project“ Lösungsvorschläge für die Stadt Schlieren im Einzugsgebiet von Zürich erarbeitet. Mit dem Ziel, den ökologischen Fussabdruck der Region zu reduzieren, nachhaltiges Bauen in Einklang mit der Natur zu fördern und den Landfrass durch immer neue Häuser und Industriegebiete zu stoppen.

Architekturstudierende der Uni Liechtenstein wollen mit visionären Projekten den globalen Fussabdruck verringern

Schlieren liegt im Einzugsgebiet von Zürich. Dadurch leidet die Stadt seit Jahren unter fortschreitender Zersiedelung. Einfamilienhäuser mit Gärten zieren das Bild, doch Schlieren platzt aus allen Nähten. Ein Problem, das bislang erst wenige erkannt haben. Architekturstudierende der Universität Liechtenstein haben sich, zusammen mit ihrem Professor, Dietrich Schwarz, der Sache angenommen und in ihrem „One-Planet-Project“ Lösungsvorschläge erarbeitet.

Mit dem Ziel, den ökologischen Fussabdruck der Region zu reduzieren, nachhaltiges Bauen in Einklang mit der Natur zu fördern und den Landfrass durch immer neue Häuser und Industriegebiete zu stoppen. Mit den Entwürfen der Studierenden sollen vielmehr Landwirtschafts- und Waldflächen geschützt oder gar erweitert werden.

20 Quadratmeter pro Person
Eine der Kernfragen lautete: Wie viel Platz, oder anders: wie viel Wohnraum braucht eine einzelne Person – zum Schlafen, zum Essen, zur Körperhygiene und zum Leben? Die Antwort des Master-Studenten Markus Lindemann (25): 20 Quadratmeter. Das haben seine Berechnungen ergeben. Mit anderen Worten: eine vierköpfige Familie sollte mit einem Wohnraum von 80 Quadratmetern auskommen. Der aktuelle Wohnbedarf in Schlieren liegt jedoch bei 35 bis 60 Quadratmetern pro Person. Das brachte den Vorarlberger dazu, sein Gesamtkonzept auf eine Reduktion des Wohn- und Lebensraumes zu fokussieren mit der Konsequenz einer verdichteten Bauweise, vor allem um den Stadtkern herum. Dies führt zu einer Verdichtung der Stadtkerne und im Gegenzug zu einer langfristigen Absorption des Fettgürtels der Agglomerationen. Im Gegenzug können komplementär die Ressource Land zur Nahrungsproduktion wieder wachsen.


Präsentation von Markus Lindemann

Natur und Lebensraum verflechten
Der gebürtige Vorarlberger Markus Lindemann hat eine grosse urbane Struktur entworfen, in der Natur und Wohnen, Innen und Aussen zusammenkommen. Modulare Wohneinheiten à 20 Quadratmeter lassen sich zu grösseren Wohneinheiten verbinden und sind im Zuge des Rückbaus der Zersiedelung flexibel erweiterbar. Ausgangsmaterial dafür ist Holz in Kombination mit Stahlbeton. „In meinem Modell wollte ich der Natur sowohl horizontal als auch vertikal Platz lassen. Deshalb können Besucher auch auf dem Dach des Einkaufszentrums spazieren gehen oder aber im sechsten Stock ihres Wohnhauses unter einer Platane ein Nickerchen halten.“ Ein Kombigerät pro Wohneinheit ist Lüftung, Wärmepumpe und Warmwasserspeicher zugleich. Ein kleines Energiewunder.


Entwurf von Markus Lindemann


Die aus Syrien stammende Architekturstudentin Aza Stass (27) beschränkt sich in der Kombination ihrer Wohneinheiten auf eine maximale Höhe von fünf Stockwerken. Deutlich weniger als Markus Lindemann, der es mit seiner Verflechtung von Natur und Lebensraum auf bis zu 16 Stockwerke bringt. Stass’ Module sind gänzlich aus Holz gefertigt. Im Verlauf ihres Projektes reduzierte sie die Wohnfläche pro Person auf zehn Quadratmeter. Die angehende Architektin hat Schlieren mehrmals besucht, um zu beobachten, wo sich die Leute in ihrer Mittagspause oder Freizeit am liebsten aufhalten. Favorit ist dabei der Alte Stadtkern mit einem Mix aus Fachwerk, Natur, Grünflächen und öffentlichen Plätzen.


Präsentation von Aza Stass

Architektur weckt Emotionen
Aza Stass hat sich in ihrer Abschlussarbeit vor allem mit der sozialen Komponente auseinandergesetzt. „Heutzutage kann man architektonisch und bauphysikalisch fast alles berechnen. Doch die Emotionen, die Architektur auslöst, sind nicht messbar, aber für den Wohlfühlfaktor entscheidend.“ Gemeint sind damit Material, Geruch und Aussehen. Durch den stark reduzierten Wohnraum bekommen Parks und Grünflächen eine neue soziale Gewichtung: Weg von der Idee „My home is my castle“, hin zu gemeinschaftlich genutzten Flächen und einem neuen Miteinander.


Aza Stass: Quartiersplanung

Für die Enkelgeneration sorgen
Schönster Nebeneffekt: eine Reduzierung des ökologischen Fussabdrucks und eine grössere Wertschätzung der Ressource Land. Beide Projekte liessen sich in mehreren Stufen realisieren. Zunächst einmal müssten alle kahlen Flecken mit Wohneinheiten aufgefüllt werden. Anschliessend ginge es peu à peu an einen Rückbau der bisherigen Einfamilienhäuser und gleichzeitigen Aufbau geeigneter grüner Gemeinschaftsflächen. Dadurch würde der Ausdehnung der Stadt Einhalt geboten. Der Landwirtschaft stünden somit auch wieder grössere Nutzflächen zur Verfügung, so Stass. „Die grösste Verschwendung an Ressourcen findet im globalen Transport von Nahrung statt. Würden wir hier in Liechtenstein und der Schweiz, ähnlich wie in Syrien, den Konsum und die Produktion ausschliesslich lokaler Lebensmittel fördern, wäre unser ökologischer Fussabdruck deutlich geringer.“


Entwurf von Aza Stass

Energetisch autark
Aber auch energetisch liefert die Arbeit von Aza Stass einen interessanten Ansatz. Laut ihren Berechnungen benötigt eine Person im Jahr soviel Strom wie 20 Quadratmeter Photovoltaik im Jahr liefern könnten. Um diese Menge an Energie zu generieren, möchte die Syrerin die Eisenbahnschienen durch Schlieren, die Hauptverkehrsstrasse und Parkplätze mit Photovoltaikanlagen überdachen. Das würde den Bedarf von angenommenen 25.000 Einwohnern im Jahr 2050 decken.


Die beiden Architekturstudierenden Lindemann und Stass leisten mit ihren Zukunftsvisionen Pionierarbeit. Markus Lindemann ist überzeugt, dass sich sein Projekt technisch und konstruktiv in mehreren Etappen leicht umsetzen liesse. Woran es hapert, seien allerdings das fehlende Bewusstsein der Bevölkerung und die Anreize der Politik. Wer möchte schon freiwillig auf seinen heissgeliebten Garten mit Swimmingpool verzichten? Deshalb ist wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit nötig, damit der sich abzeichnende Kollaps nie eintreten wird.


Medienmitteilung, Pläne und Fotos
20121120_ArchitekturEntwurfsstudio_Schweiz_MM_unili.pdf
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