Campus Gespräche

Dr. Florian Klenk, Chefredakteur Falter, im Gespräch mit Dr. Roman Banzer

Campus Gespräch I an der Universität Liechtenstein zum Thema Fakt, Fake und der Journalismus mit Dr. Florian Klenk

Am 27. November 2019, 18.OO Uhr war Dr. Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung „Der Falter“ zu Gast an der Universität Liechtenstein. Er gilt als einer der profiliertesten Enthüllungsjournalisten Österreichs. In seinem Vortrag im gut gefüllten Auditorium nahm er die Zuhörenden mit auf eine Zeitreise. Er schilderte eindrucksvoll, an vielen Beispielen veranschaulicht, die Veränderungen und Herausforderungen im Journalismus im Zuge der Errungenschaften Internet, Smartphone und Soziale Medien seit Beginn der  1990er Jahre.

Neben dem Potenzial, das die neue Verbreitungsindustrie z. B. in der Enthüllung von Missständen durch Kampagnen wie „#MeToo“ mit sich bringt, thematisierte er vor allem deren Schattenseiten.  „Fake News“ seien in ihrer Aufmachung kaum vom klassischen Journalismus zu unterscheiden, würden sich blitzschnell über negative Konnektive verteilen, Menschen radikalisieren und das Wutbürgertum fördern. Klenk selbst wurde nach einem „Tweet“ Zielscheibe von Hasspostings. Insbesondere rechtspopulistische Parteien zeigen sich aus seiner Sicht geschickt im Umgang mit neuen Medien.

Diese Entwicklungen würden vor allem ältere Menschen überfordern, da sie nach wie vor glauben, was ihnen in Zeitungen und auf Bildschirmen geboten wird.  Steigende Diskreditierung der journalistischen Arbeit als „Lügen- oder Systempresse“ schwäche zusätzlich das Vertrauen in die klassischen Medien.

Lösungsansätze für die „Bedrohung, in der wir leben“ sieht Klenk in einer reflektierten, skeptischen Mediennutzung, u. a. in einem Bewusstsein für Filterblasen und Echokammer-Effekte. Das Interesse der stark wachsenden Social-Media-Giganten läge primär im Erreichen von Aufmerksamkeit, längerer Verweildauer zu Werbezwecken und Algorithmen. Zudem rät er, für eine Ausgewogenheit in der Wahl der Quellen und  Abonnements zu sorgen.

Klenk erachtet das europäische Modell mit staatlicher Regulierung und Datenschutz sowie verantwortungsvolles journalistisches Handwerk als zukunftsweisend. Der klassische Journalismus sei gerade dabei, „sich wieder zu finden“. Es bedarf einer kritischen Masse, die sich eher mittels Reportagen, als durch Nachrichtenvermittlung anziehen lasse und dann auch bereit sei, den Journalismus zu finanzieren. Neue Distributions- und Kommunikationskanäle dienen aus seiner Sicht dazu, mit der Leserschaft in Kontakt zu treten.

Die Kunst im investigativen Journalismus bestehe darin, aus der Fülle an Informationen die zentralen auszuwählen. Er umfasse zwei Achsen, entlang derer kunstvoll erzählt wird und Detailwissen akribisch in eine Ordnung gebracht wird: die Rekonstruktion der Chronologie einer Geschichte und sogenannte „Frequently asked questions“. Es gehe in erster Linie darum, an Informationen zu kommen, die öffentlich nicht zugänglich sind. Nur ein ganz kleiner Teil davon sei tatsächlich geheim.

Zur Frage der ethischen Vertretbarkeit von Fällen wie z. B. der Ibiza-Affäre meinte Klenk, dass die Aufdeckung erstens im öffentlichen Interesse sein und zweitens stimmen, d. h. überprüft werden müsse.  Als Grenze gelte der  höchst persönliche Lebensbereich, wie z. B. das Sexualleben, Krankheiten etc. 

Journalismus in kleinen Verhältnissen wie dem „Liechtensteiner Vaterland“ würde Klenk empfehlen, auf größtmögliche Distanz zur Regierung zu gehen und dennoch die Politikerinnen und Politiker aus der Nähe zu beschreiben - d. h. sich zu vernetzen, aber sich nicht zu „verfilzen“.  Es sei ratsam, möglichst viele Quellen anzuzapfen, d. h. keine One-Source-Stories zu machen. Im Sinne des Unique Selling Points sollte der Fokus auf die Leserschaft gerichtet werden und unabhängige Informationen geschaffen werden - keine Propaganda. Soziale Medien könnten als „Litfaßsäule“ fungieren, um für Abonnements zu werben

 

Gabriele Hojas, Universität Liechtenstein, 28. November 2019

 

 

Bericht Liechtensteiner Vaterland

Bericht Liechtensteiner Volksblatt

 

 

 

 

            

 

"Fakt, Fake, Fiktion"

"Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, wahr und falsch, nicht länger existiert." Hannah Arendt

                

Leben wir im postfaktischen Zeitalter und wenn ja, was bedeutet das für Liechtenstein und die Region? Seit der Präsidentschaft von Donald Trump wissen alle, dass die Fiktion im Gewande des Fakes die Vorherrschaft der Fakten abgelöst hat. Die Rhetorik von Populisten, alternative Fakten, die Wirklichkeit der Wirklichkeit. Worauf können und wollen wir uns verlassen können, mit welchen Strategien werden Parteien und Politik gemacht?   

In den Vordergrund der Antwort auf diese Fragen schieben sich vermeintlich die Politikwissenschaft, vielleicht die Soziologie und Ökonomie. Nun haben sich aber mit Elisabeth Wehling als Sprachwissenschaftlerin und Thomas Strässle als Literaturwissenschaftler zwei Germanisten mit entscheidenden Büchern in die Diskussion eingemischt. Wehling schreibt: «In jeder Debatte der Demokratie geht es um Fakten. Diese werden von unterschiedlichen Seiten durch Worte unterschiedlich interpretiert – je nach Standpunkt. Die Worte, mit denen das getan wird, sind stets mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen. Ein bewusstes Einordnen und Verwenden von Sprache ist damit zentral für eine klare Kommunikation der eigenen Einordnung von Fakten. Zu Thomas Strässles Buch heisst es: «Jeder Fake ist eine Form von Fiktion, wie auch ein Roman Fiktion ist. Aber nicht jede Fiktion ist auch ein Fake. Was muss passieren, damit eine Fiktion als Fake für wahr gehalten wird? Wie lernen wir, Lügen zu unterscheiden - die schönen Lügen der Literatur von den bösen Lügen der Fakes?»

In Inputreferaten erhalten wir Denkfutter zu ausgewählten Themen. Dieser Zyklus soll in einem klassischen Vortragsmodus abgehalten werden. Hochkarätige Forschende, Intellektuelle und Expertinnen und Experten sprechen aus unterschiedlichen Perspektiven. Die externe Expertise steht im Zentrum des Abends. In Anschluss an die jeweiligen Referate gibt es Fragen seitens der Moderation und des Publikums.

 


 

Peter Marxer Lecture: Campus Gespräche

 


Kosten

Die Veranstaltungen sind unentgeltlich.

Weitere Informationen

Dr. Roman Banzer
Telefon +423 265 11 52
roman.banzer@uni.li

Veranstaltungen

Campus Gespräch II: Fiktion, Fakten und der PopulismusVortrag

Mittwoch, 04. März 2020, 18.00 Uhr
Universität Liechtenstein, Auditorium

Prof. Dr. Philip Manow
Socium Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Universität Bremen

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Campus Gespräch III: Fake, Fiktion und die DemokratieVortrag

Mittwoch, 06. Mai 2020, 18.00 Uhr
Universität Liechtenstein, Auditorium

Prof. Dr. Jan Söffner
Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse
Zeppelin Universität

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