RALF EBERLE IN SHANGHAI

Ralf Eberle studiert seit 4 Semestern Architektur an der Hochschule Liechtenstein und verbrachte sein Austauschsemester an der Tongji Universität in Schanghai, China.
Ralf, du bist kürzlich von einem Austauschsemester in Schanghai zurückgekehrt. Welche Erkenntnisse und Erfahrungen hast du mitgebracht?
Die Achtung vor dem Menschen, die Schnelllebigkeit und gleichzeitig aber auch die Ruhe. Was mich stark beeindruckt hat ist die non-verbale Kommunikation. Darauf legen sie grossen Wert und es ist nur ein Teil verschiedenster Gesellschaftswerte, welche sich stark von den unsrigen unterscheiden. Das finde
ich äusserst spannend.
Und Materielles?
Hm – drei massgeschneiderte Hemden (lacht)!
Und umgekehrt, was hat dir aus der Schweiz gefehlt, was hast du nach China mitgenommen?
Schokolade! Zum selber essen versteht sich (lacht).
Du hast an der Tongji University ein Semester lang Architektur studiert. Welches sind die wichtigsten Unterschiede zum Studium an der Hochschule Liechtenstein?
Ich war völlig überfordert mit der enormen Anzahl Studierender. Wenn bei uns auf dem Kampus der Hochschule 70 000 Studierende wären, dann würde wohl die Post abgehen. Dort aber ist alles unter Kontrolle. Man merkt auch, dass Tongji eine staatliche Institution ist, alles ist sehr strikt organisiert. Der Campus selbst ist wie eine Oase in der Grossstadt. Das Vogelgezwitscher kommt aus den Lautsprechern und das soll einen zur Ruhe bringen!
Welches waren deine schönsten Erlebnisse?
Ganz klar das Reisen. Am Schluss meines Aufenthaltes bin ich bis nach Tibet gelangt, davor natürlich Peking besucht, auch die Satellitenstädte Schanghais, Nanjing, Hauptstadt der Republik China, Suzhou, Hangzhou, Ningbo, bin aber auch in abgelegene Dörfer gelangt, in welche man eigentlich nicht reisen sollte. Ich wollte einfach das richtige China entdecken. Lanzhou habe ich gesehen, welches von der grossen Flut betroffen war. Für mich am eindrücklichsten war sowohl aus positiver als auch negativer Sicht eindeutig Tibet.
Wie hast du mit den lokalen Bewohnern kommuniziert?
Mit Händen und Füssen! Die Chinesen geben dir nichts zu essen, wenn du mit ihnen Englisch sprichst. Man muss den Reis einfach auf Chinesisch bestellen, sonst bekommt man ihn nicht. Die würden dich glatt verhungern lassen! Das war echt krass. Ich habe natürlich auch nicht downtown Schanghai gewohnt, sondern ausserhalb. Und dort herrscht noch alte Schule, sodass mir nichts anderes übrigblieb, als Chinesisch zu lernen. Ich habe auch einen Chinesischkurs an der Uni belegt. Allerdings waren die Lehrmethoden dort sehr drastisch und so wollte ich nicht eine Sprache lernen: Totaler Frontalunterricht, die Lehrerin sagt «Ní hˇao» und die ganze Klasse repetiert es. Der Lerndruck und der Aufwand waren enorm. Das Tragische dabei war, dass mir nach einem Monat genau gleichviel im Alltag hilfreich war wie am Anfang, sodass ich entschieden habe, es mir mit Hilfe meiner Mitbewohner selbst beizubringen.
Woher kamen deine Freunde?
Am Anfang habe ich mich sehr auf westliche Studierende fixiert. Irgendwie braucht man dann noch den Rückhalt der eigenen Kultur. Ich habe dannzumal auch noch Brot gegessen, habe lange Fahrten auf mich genommen, um ein Brot zu kaufen. Psychologisch ist das ganz wichtig. Irgendwann aber beginnt man, die Chinesen zu verstehen und schätzen zu lernen. Gegen Ende meines Aufenthaltes habe ich mich dann fast ausschliesslich mit chinesischen Freunden meist aus einfachem Haus getroffen.
Wie zeigt sich der Kommunismus in der Architekturausbildung?
Gerade bei den Architekten ist es ein Problem, dass durch Mao die Kreativität zerstört wurde. Das zeigt sich weiterhin. Das freie Denken wird als sehr anstrengend empfunden. Das Individuum hat in der 5 000-jährigen Geschichte Chinas einfach keinen Platz gehabt. Und gerade in der Architektur ist das schwierig für sie, denn sie müssen die Kreativität erlernen.
Gibt es vielleicht auch Komponenten, die dich ansprechen?
Für mich war natürlich faszinierend zu sehen, wie schnell Entscheidungen aus Peking umgesetzt werden können. Wenn es heisst, China werde jetzt ökologisch nachhaltig, dann gibt es einfach kein Benzin mehr für alle Mopeds und Roller, die sind dann selbstverständlich von heute auf morgen elektrisch. Jetzt schon sind ca. 80 % aller Roller elektrisch – und diese Massnahme wurde erst vor 18 Monaten initiiert! Das würden wir hier nicht einmal in 10 Jahren schaffen. Sie haben bereits begonnen ganze Städte für die Produktion der Elektroautos aus dem Boden zu stampfen. In diesem Bereich geben sie sprichwörtlich «Vollgas». Darin ist der Kommunismus sehr stark und sehr interessant. Im Gegensatz dazu herrscht natürlich keinerlei Meinungsfreiheit. Man wird auch einfach nicht informiert. Ein Beispiel: 20 bis 30 km von unserer Wohnung entfernt hat ein Gaswerk gebrannt. Man sah die 50 m hohe Stichflamme aus der Ferne. Es hat uns niemand informiert, was da passiert ist oder wie man sich verhalten soll. Das Gaswerk hat eine Woche lang gebrannt. Wir haben die Fenster natürlich geschlossen gehalten, die Dämpfe waren hochgiftig. Es gab keine News im Internet oder in den Zeitungen. Wenn du wen fragst, weiss niemand von nichts und alles ist immer Bestens, es sei nicht gefährlich und man muss sich keine Sorgen machen.
China hat eine lange und ereignisreiche Geschichte. Was ist davon noch zu erkennen und verspürt man in der Gesellschaft einen gewissen Stolz darauf?
Nein, eigentlich nicht. Ich glaubte ursprünglich, ich käme nach China. Gefunden habe ich mich dann irgendwo in einem Verschnitt von Asien und Amerika. Das war schon sehr schräg. Ich hatte gehofft, alte Tempel oder Stadtstrukturen zu finden, vielleicht nicht in Schanghai aber vielleicht in Beijing, Xian oder Nanjing. Und gerade dort, in einer der ältesten Städte Chinas, ist von den alten Strukturen nur noch die Stadtmauer vorhanden, sonst nichts.


Und die verbotene Stadt in Peking?
Dort hat es hauptsächlich viele Leute, Tourismus pur. Natürlich ist die Weitläufigkeit der Anlage beeindruckend, doch die Art und Weise, wie dieser Ort von der Regierung vermarktet wird und die Besucher gesteuert werden, ist gewöhnungsbedürftig. Die Regierung bezahlt auch eine Anzahl Besucher, damit sie überhaupt kommen. So sieht das Ganze wichtiger aus. Genau so spielt es sich übrigens auch bei der Expo Schanghai 2010 ab.
Wie lange hat es gedauert, bis du vom Touristen zum Lokalen geworden bist?
Zwei Monate. Nach zwei Monaten fühlte ich mich zu Hause, obwohl ich mich noch nicht ganz wohl fühlte und noch nicht alles akzeptiert hatte. Nach vier Monaten habe ich dann Chinesisch gesprochen und die Strassen in meinem Quartier in- und auswendig gekannt. Dann konnte ich mich auch mit dem Lebensstil identifizieren. Ich habe das Leben dann wieder genossen und schätzen gelernt, das Westliche habe ich nicht mehr gesucht. Am Schluss habe ich nichts mehr vermisst.
Jetzt bist du wieder da, in der «heilen Welt». Wie empfindest du es?
Tja, so glücklich bin ich nicht. Ich kann zum Beispiel nicht einfach auf die Strasse stehen und «Taxi!» rufen (lacht). Das Leben in einer Grossstadt hat schon viele schöne Seiten. Durch das grosse Angebot wird weniger geplant, man lebt mehr in den Tag hinein. Ich habe mir nie Gedanken darüber machen müssen, wo ich am Abend in den Ausgang gehe. Das wurde spontan entschieden. Hier brauche ich ein Auto, muss mich mit Freunden koordinieren und das ist schon einiges komplizierter. Es ist irgendwie wie in einem Altersheim.
Wieso wie ein Altersheim?
Man hat hier ganz andere Prioritäten. In Schanghai prallen Welten aufeinander. Totenstille und lauter Lärm. Hektik und Langeweile. Armut begegnet extremem Reichtum, welcher auch gerne gezeigt wird. Schanghai ist die Stadt mit den meisten Louis-Vuitton-Geschäften. Man kann auch in einem Schikkimikki-Restaurant zu Abend essen und dann wird der Abfall mit all seinen Gerüchen direkt durch den Raum gezogen. Es wird natürlich auch noch hemmungslos auf den Boden gespuckt. Für die Expo 2010 haben sie versucht, dies zu unterbinden und in den touristischen Gegenden funktioniert es auch mehr oder weniger. In meinem Quartier, eine typische chinesische Kommune, war das Spucken omnipräsent.
Und wann hast du angefangen, auf den Boden zu spucken?
(lacht) Nach etwa vier Monaten. Man kann einfach nicht anders, so viel Schleim und Abgaspartikel stecken dir da im Hals fest. Zivilisiertes Spucken heisst; in den Abfalleimer! Eigentlich ist das Spucken völlig natürlich, und es stört irgendwann auch nicht mehr. Auch nicht, dass die Kinder in die Schachtdeckel der Strasse pinkeln.
Was habt ihr im Ausgang so unternommen? Gibt es eine gute Partyszene in Schanghai?
Die kommerziellen Clubs sind nicht spannend, die haben mich gar nicht gereizt. Für 20 Franken Eintritt gilt dann: «open bar». Man trinkt billigen Wodka und Gin bis man umfällt. Die Chinesinnen lachen sich westliche Touristen an, beklauen diese auch manchmal. Einen westlichen Partner zu haben ist dort auch noch eine Prestigesache. Ich habe aber herausgefunden, wo die Alternativszene ist, habe mich vor allem in der Schwulen-szene aufgehalten. Die existiert und ist sehr stark, war auch schon während Zeiten der Todesstrafe auf Homosexualität präsent. Die Schwulenszene war bis vor wenigen Jahren unterdrückt wie bei uns vor 100 Jahren. Das Schöne an ihr ist, dass sie sich wie eine grosse Familie verhält. Im Alltag ist die Szene aber weiterhin unterdrückt und vielleicht ist es auch deshalb, dass sie einfach kreativer ist als andere Bewegungen. Der rücksichtsvolle Umgang untereinander und eine Offenheit gegenüber der westlichen Kultur sind weitere Merkmale der Szene. In anderen Clubs herrscht weniger Respekt; wenn wer durch will, dann rammt er dir gerne seinen Ellbogen in die Rippen.
Welche waren deine Erwartungen, gerade in Bezug auf die Schwulenszene in Schanghai?
Anfänglich habe ich mich auf ein halbes Jahr Keuschheit eingestellt (lacht). Die Untergrundszene trifft sich aber immer noch in Clubs unter anderem in alten. In diesen finden dann auch Kunstausstellungen statt, deren Inhalt eigentlich verboten wäre. Es gab auch Momente, in welchen die Polizei in den Club gekommen ist. Das war krass, denn dann hiess es: «alle westlichen Personen auf die linke Seite, alle Chinesen auf die rechte!». Dann gab es Verhandlungen mit dem Clubbesitzer, danach mussten alle westlichen Gäste nach draussen und die Chinesen wurden gefilzt. Solche Dinge sind einige Male geschehen.
Welches sind die Gründe für solche Durchsuchungen?
Die Schwulenszene ist berühmt für ihren Drogenkonsum, zumindest ist dies die Begründung der Polizei für solche Durchsuchungen. Die Realität ist anders. Die Polizei versucht schlichtweg, die Alternativszene zu diskriminieren und zu schikanieren. Die chinesische Gesellschaft achtet auf den Ruf und den Status der Bürger, und wenn es natürlich publik wird, dass man sich in solchen Kreisen bewegt und dass vielleicht sogar dein Name in einem Polizeiprotokoll auftaucht, dann kann das drastische Konsequenzen haben. Als europäischer Bürger wurde ich da privilegiert behandelt.

Du trägst einen chinesischen Anhänger um den Hals, gibt es hierzu vielleicht auch noch eine Geschichte?
Der Anhänger stammt aus Tibet und die Inschrift sagt, dass die Menschheit sich mit der Natur vereinen soll.
Und wie lebst du dieses Motto hier?
Viel Fahrradfahren! (lacht) Ich brauche das Auto bewusst weniger. In Schanghai habe ich stets das Fahrrad benützt. Es machte mir auch nichts aus, 45 Minuten damit unterwegs zu sein. Und wenn man sich überlegt, wie weit man hier kommt in dieser Zeit… Wie auch zu Fuss; in einer Grossstadt ist man einfach viel mehr zu Fuss unterwegs. Das habe ich hierher mitgenommen.
Kannst du einen Austausch nach Schanghai weiterempfehlen?
Auf jeden Fall, eine Riesenerfahrung.
Willkommen zurück und danke fürs Gespräch!